Pirouetten der Aufklärung

- Mit "Kunst auf der Bühne", dem zweiten Teil der Trilogie "Les Grands Spectacles", hat sich Salzburgs Museum der Moderne hoch oben auf dem Mönchsberg (fast) ganz dem Theater verschrieben. Durfte sich 2005 die bildende Kunst austoben, wird heuer zusammen mit dem Österreichischen Theatermuseum Wien der Dialog der beiden Künste ausgeforscht.

Natürlich hatten schon früher Berühmtheiten für Drama und Oper gebaut und Ausstattungen geschaffen - Stichwort Schinkel -, aber mit dem Aufbruch in die Moderne brach auch der Theaterraum, die Vorstellung von Theater auf, egal ob Sprech- oder Musiktheater, ob Ballett und Tanz.

Gerade die Bewegung musste die bildenden Künstler reizen, denn sie blieb ihnen lange verwehrt. Ebenso der Vorstoß in die Dreidimensionalität, die sie nicht mehr nur Skulptur oder Architektur überlassen wollten. Deswegen sind die Zeichnungen, Fotografien, Figurinen und sogar Kostüme oder seltenen Filmaufnahmen von Loïe Fuller, Mary Wigman, Isadora Duncan, Gertrud Bodenwieser oder dem Ballet russe charmante, raffinierte oder bisweilen belächelnswerte Exzentrik-Pirouetten, zugleich aufregende Inspirationen, die  Möglichkeiten  des Körpers zu testen.

Hier kommen auch moderne Marionetten und zum Teil mächtige Masken- und Kostüm-Figuren zum Tragen. Wobei das Tragen der komplizierten Kunstwerke etwa von Oskar Schlemmer, Fernand Léger oder Jean Dubuffet eine besondere Fertigkeit erforderte, um damit zu tanzen und darin zu spielen. Peu à peu wird der Zusammenhang von organischer, artifizieller und mechanischer Bewegung deutlich. Das interessierte nicht nur russische Avantgarde und Bauhaus-Künstler, sondern auch die italienischen Futuristen.

Kokoschkas Sandalen

All das arbeitet die Schau anhand von zahlreichen Entwürfen, Bühnenbildmodellen, Radierungen, Zeichnungen, Plakaten, Marionetten, Kostümfigurinen, die zum Teil durch ihre Qualität schon eigenständige Kunstwerke sind, gut und unterhaltsam heraus. Denn man hat sich nicht allein der Historie verschrieben. Die Präsentation reicht bis in die Gegenwart und bietet zum Beispiel Karel Appels Bühnenbilder für die soeben bei den Festspielen gezeigte "Zauberflöte". Die kann der Besucher dann vergleichen mit Oskar Kokoschkas Überlegungen von 1954/ 55 zur gleichen Mozart-Oper. Der gestaltete selbst Paminas Sandalen höchst genau.

Fehlen dürfen auch diverse Aufführungs-Aufzeichnungen nicht. Da schmilzt einem Vesselina Kasarova hingebungsvoll entgegen ("La Damnation de Faust", 1999). Oder es gibt den Aufreger vom Dienst zu sehen: Hermann Nitsch und sein blutiges "Orgien Mysterien Theater", das er immer mal wieder zelebriert.

Spektakulär ergänzt wird "Les Grands Spectacles II" durch William Kentridges hervorragende Arbeit "Black Box/ Chambre Noire" (2005) und Christoph Schlingensiefs Salzburg gerecht aufgemöbelte Installation "Chicken Balls - der Hodenpark" (2006). Er benutzt (wie zurzeit Mode) die alte Environment-Idee und stopft einen Raum mit Assoziationsmüll von seinem Bayreuther "Parsifal" bis Mozart, von Schokoladenhasen bis Drehbühne voll - zu einer Art Abenteuerspielplatz für Messies. Schlingensief wird dabei zu einem schönen Symbol einer heute oft anzutreffenden so gedankenvollen wie gedankenwirren Theaterwelt.

Hereros massakriert

Kentridge markiert das wundervoll luzide Gegenteil davon - wie ihn sich ein Mozart nur hätte wünschen können. Deswegen beginnt sein topaktuelles Spiel im entzückend altmodischen Papier- und Maschinentheaterchen mit "Zauberflöten"-Klängen und einem zittrig hereinwackelnden Megafon: Aufschrift "Trauerarbeit". Zu jeder vollen Stunde ist diese Mischung aus Drama (mit einer speziellen Art von Marionetten) und Film zu erleben (rund 20 Minuten). Der Südafrikaner projiziert auf die Mini-Bühne einen seiner genialen Zeichentrickfilme. In die sich ständig wandelnden Kohle- und Pastellzeichnungen sind alte Dokumente und Filme aus Namibia integriert. Denn im "Drama" geht es um deutschen Imperialismus in Afrika und den Völkermord an den Hereros (1885-1905).

Kentridge zeigt mit einem Zirkel-Männchen und Zeichentrick, wie Vermessen des Landes und der Menschen, wie Mathematik und Naturwissenschaft also, für Ausbeutung und Rassismus benutzt werden: Der "abgezirkelte" Hererokopf wird - Maß für Maß - zum Totenschädel. Und die Pickelhaube wird zum Duschkopf - der auf die Brausebäder von Auschwitz verweist. Kentridge - ein faszinierender Aufklärer.

Bis 8. Oktober, Di.-So. 10-18 Uhr, Mi. bis 21 Uhr (bis Ende August auch montags geöffnet); Mi. 18.30 Uhr kostenlose Führungen; Karten: 8 Euro; Katalog: 32 Euro, Adresse: Mönchsberg 32 (auch mit Lift erreichbar); Tel. 0043/ 662/ 84 22 20 403, www.museumdermoderne.at.

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