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Liebender Vater und weiser Staatsmann: Superstar Placido Domingo (Boccanegra) mit Traumpartnerin Anja Harteros (Amelia).

Placido Domingo

Ein Tenorissimo wildert

Irgendwann zählen nur noch die Fans mit. Und die Hochrechnungen? Belaufen sich auf 225 Cavaradossis, 213 Otellos, 180 Don Josés, auf insgesamt also gut 130 Rollen, Arien-Auskoppelungen für Konzerte und CDs exklusive.

Doch wenn Placido Domingo nun wirklich alles Greifbare in seiner vokalen Heimat gesungen hat, mit Dirigaten und Opernchefposten nicht ausgelastet scheint und trotz seiner mutmaßlich 68 Lenze nicht an die Rente denkt, bleibt wirklich nur noch Eines: das Wildern im anderen Fach. Der Tenorissimo debütiert also als Bariton.

Mit der Premiere von Simon Boccanegra an der Deutschen Staatsoper Berlin, mords Mediengetöse und Joschka Fischer nebst Herta Müller in der Mittelloge. Eine Sensation? Die Rolle in Verdis schwärzester Oper liegt dem Superstar gar nicht so fern. Domingo hat ja zeit seines Karrielebens mit bronzener, baritonaler Mittellage verführt, weniger in dünner Höhenluft – und sogar 1993 mit Claudio Abbado auf Platte Rossinis Figaro ausprobiert.

Ein C-Tenor war er nie, dafür der weltbeste Otello, Canio, auch Siegmund seiner Zeit. Und endlich darf Domingo an der Linden-Oper er selbst und damit glaubhaft sein: kein inzwischen zu später Macho-Lover, sondern liebender Vater und weiser Staatsmann. Einer, der als Genueser Doge seine Nachfolge bestellt, die Ehe der wiedergefundenen Tochter mit dem Ex-Widersacher segnet, bevor er, vom Gift gepeinigt und von 1400 atemlosen Gala-Gästen verfolgt, auf den Thron-Treppen stirbt. Natürlich kann Domingo diese Rolle, die für manchen Bariton vertrackt hoch liegt, singen.

Man wundert sich sogar: über Domingos sichere und tragfähige Tiefe, die er ohne Druck und mit sehr offener Tongebung erreicht. Über die ungebrochene Ausstrahlungskraft einer Stimme, die ja ihre Betriebstemperatur in anderen Lagen gewohnt ist. Über das nahezu unverfälschte Timbre und die noch immer einzigartige Legato-Kultur. Und doch birgt diese Mühelosigkeit ein Problem.

Mag Daniel Barenboim die Staatskapelle Berlin zu einer vollsaftigen und muskulösen Deutung anstacheln und einen raunend-erdigen Verdi dirigieren, als habe man in der Partitur die Beleuchtung ausgeknipst – Boccanegras Tragödie stellt sich nicht recht ein. Das Extrem-Moment der Partie, ihre einkomponierte Dramatik, all das ist fast nicht wahrnehmbar.

Dort wo Baritone das entscheidende Extra-Quäntchen Kraft aufwenden müssen, um Triumph oder Tragödie Klang werden zu lassen, singt Domingo quasi mit links, gestattet sich sogar ein nach oben verlagertes „Una tomba“ am Ende des ersten Bilds. Je länger der Abend dauert, desto mehr beschleicht einen also der Gedanke: ob man hier nicht doch eine hochsympathische, respekteinflößende Fehlbesetzung bewundert? Gleichwohl: Man nimmt Domingo dank seiner übergroßen Präsenz den Dogen ab – obgleich er zu Gesten verdammt ist, die dank vieler Bühnen-Jahrzehnte auf Autopilot funktionieren.

Denn das ist die eigentliche Tragödie des Abends: dass die Staatsoper um den Star ein dünnes Arrangement gruppierte, anstatt ihn, was ja etwa mit Edita Gruberova in München gelingt, zu fordern. Gegen Federico Tiezzi (Regie) sind Kollegen wie Franco Zeffirelli und Otto Schenk Bilderstürmer. Mit Maurizio Balo (Bühne) und Giovanna Buzzi (Kostüme) schwelgt er in güldener Gotik, lässt Rot gegen Blau kämpfen und Mannen wie in der Monty-Python-Parodie auftreten. Tiezzi, dessen Produktion an die Scala wandert, verlegt sich auf Dramatik für Doofe: Wird’s ernst, dimmt oder verfärbt er das Licht – was Wunder, dass auf ihn ein Buhkonzert niederging.

Vokal allerdings bietet Berlin das Bestmögliche. Anja Harteros (Amelia) wandelt derzeit auf dem Karriere-Zenit, was ihr sicht- und hörbar bewusst ist. Dramatische Ausbrüche gelingen ebenso wie die zerbrechlichen, mit instrumentalem Flötenregister gestalteten Momente. Eine Sängerin, die sich bei Verdi gleichermaßen zu Hause fühlt wie bei Mozart und Wagner – und deren künstlerisches Selbstverständnis damit Domingo am nächsten kommt.

Fabio Sartori (Gabriele) kann sich in der einstigen Rolle des Star-Kollegen gut behaupten, singt um Klassen besser als er spielt. Und am anderen Ende des Stimmspektrums: die drei Bässe von der Spree, unter denen Kwangchul Youn (Fiesco) noch am ehesten Italianitá verbreitet, während Hanno Müller-Brachmann (Paolo) und Alexander Vinogradov (Pietro) ihre Rollen grobkörnig aufdonnern. Jubel, Blumenweitwürfe, Standing Ovations – und enttäuschte Radio-Hörer. In letzter Minute hatte ein vorsichtiger Domingo die Übertragung untersagt, vielleicht auch etwas geahnt.

Trotz Folge-Boccanegras in Mailand, New York und London mit erwartbaren CDs und DVDs: Wäre doch schön, wenn’s beim Bariton-Ausflug bliebe.

Vorstellungen: 27., 30.10. sowie 7., 10., 13.11. (alle ausverkauft).

Markus Thiel

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