Ein Platz zum Bleiben

- "Das Paradies ist nebenan", schrieb Cees Nooteboom in seinem ersten Roman. "Ich habe einen Blick hineingeworfen." Da war der niederländische Autor erst 22 Jahre alt. Die Melodie seiner Worte aber klang schon damals so gebildet und weise, melancholisch und poetisch, wie sie es ihm bis heute zueigen ist. "Philip en de anderen" - so der Titel im Original - gab einen ersten Eindruck von der unvergleichlich dichten Dichtung eines mit Leidenschaft Reisenden: welten- wie traumwandlerisch. "Das Paradies ist nebenan" - für die deutsche Ausgabe übernahm Suhrkamp diese Zeile als Titel (die Neuübersetzung kehrt jedoch zum Original zurück).

Zur richtigen Zeit am falschen Ort

Jetzt ist ein weiterer wunderbarer Roman Nootebooms erschienen. Er zeichnet seinen Autor einmal mehr und besonders als großen geographischen Entdecker aus, als scharfäugigen Linguistiker, Kunsthistoriker, Humanisten und Humoristen und in all diesen Disziplinen als liebenden Kritiker und kritischen Liebhaber. Wie als ironische Antwort auf die deutsche Erstausgabe seines ältesten Romans, trägt der neue nun den Titel "Paradijs verloren". Ein halbes Jahrhundert liegt zwischen damals und heute, zwischen dem benachbarten und dem verlorenen Paradies. Zwischen der romantisierenden Geschichte eines Kinderparadieses voller Fragen, französischer Reisen per Anhalter, wundersamer Erlebnisse, Mädchen - und einer kleinen Milton-Hommage, in der Nooteboom seine zwei Königsdisziplinen, die fantasierende Reisebeschreibung und die realistische Dichtung miteinander verknüpft. Ein Thema, zwei Geschichten, die sich zum Ende hin kunstvoll miteinander verbinden.Wieder geht es ums Reisen, um das Vergehen von Zeit, ums Erinnern, ums Vergessen, um innere Unruhe und die insgeheime Sehnsucht nach einem Platz zum Bleiben, einem Menschen, der bleibt. Es geht um Schicksal, darum, zur richtigen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein - und dann mit einem Mal am richtigen. Und es geht um Engel, die schützen: "Wer hat bloß die Engel aus der Welt verbannt, obwohl ich sie noch immer um mich spüre?"Zwei Mädchen aus Sã~o Paulo reisen nach Australien, auf den Kontinent der Träume. Sie lassen eine Vergewaltigung in der nahen Favela Paraisó´polis hinter sich und müssen feststellen, dass auch das ferne Paradies eine Illusion gewesen ist. Ein Mann aus Amsterdam reist nach Österreich zur Kur. Seiner Welt mangelt es an Träumen. Im westaustralischen Perth ist er einem der Mädchen begegnet; als Teil einer inszenierten Engels-Tour streckte es ihm seine traurigen Flügel entgegen. Nun werden sie einander abermals treffen: ein Mann und eine Frau, die auf den Paradiesapfel verzichten - und trotzdem vertrieben werden.Cees Nooteboom ist kein Autor, der seine Geschichten einfach weggibt. Er selbst ist das Ich und das Du, er mischt sich ein, er leitet seinen Leser an. Daraus bestehen Nootebooms Erzählungen: aus Täuschung, Sensibilität und Eitelkeit, aus Gelehrigkeit und Raffinesse, aus Erfahrung und Fantasie. Und aus einem großen Wissen. Nach 50 Jahren ist die Trauer über ein ungreifbares Paradies einem schulterzuckenden Humor gewichen. Als hätte der Autor in dieser Zeit eine elementare Sehnsuchtsquelle trockengelegt.Wenn er nun vom verlorenen Paradies schreibt, dann ist sein Fazit nicht Bitterkeit, sondern Lebensmut. Zuletzt birgt das Paradies ja doch nur Langeweile - das Leben jedoch: Geschichten. Die Literatur, das beweist Nooteboom immer wieder aufs Neue, ist ein Paradies, das nie verloren geht.

Cees Nooteboom: "Paradies verloren". Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M., 160 Seiten; 16,80 Euro.

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