Platz für die große Emotion

- Jeder kennt's, und niemand weiß, worum es geht. Das gilt weitgehend für die Oper "Norma" von Vincenzo Bellini (1801-1835). Das heißt, schwelgen in der Musik, das Libretto, das die Handlung in vorchristlicher Zeit ansiedelt, aber ignorieren. So ging es Jürgen Rose (68) auch - bis ihn das Angebot ereilte, diesen Klassiker aller Belcanto-Opern fürs Münchner Nationaltheater zu inszenieren. Das war vor zwei Jahren, und an diesem Samstag ist Premiere.

Natürlich hat es sich Jürgen Rose nicht nehmen lassen, die Oper auch selbst auszustatten. Dirigent ist Friedrich Haider. Und vom ersten Moment der Gespräche an war klar, dass keine andere als Edita Gruberova die Druiden-Priesterin sein wird. Denn für sie wurde schließlich "Norma" auf den Spielplan gesetzt.

Jürgen Rose: "Ich habe immer nur für die Musik geschwärmt, habe nie daran gedacht, dass ich das mal machen könnte. Aber im Sommer 2003 hat mich Peter Jonas zum Essen eingeladen und so ein bisschen um den heißen Brei herumgeredet - bis ich gerufen habe: ,Du meinst doch wohl nicht Norma?’ Zu Hause habe ich erst einmal den Text gelesen und dabei gemerkt, was das für eine spannende Geschichte ist. Diese Oper hatte mich nun auch inhaltlich gepackt."

Dann kam der nächste Schritt: das Gespräch mit Edita Gruberova. Man kennt sich seit langem. Rose: "Es ist doch klar, dass ich sie nicht in Jeans oder Unterrock auftreten lasse. Meine Erziehung durch Dieter Dorn und die Kammerspiele ließen mich in der ,Norma’ sofort das Archaische sehen. Und ich habe schon als junger Bühnenbildner bei Rudolf Noelte gelernt, dass ich erst einmal alles ernst nehmen muss."

"Natürlich wollen die Tenöre immer Hand in Hand mit der Primadonna ins Feuer gehen."

Jürgen Rose

Einige "Norma"-Aufführungen hat Jürgen Rose sich mittlerweile angesehen, mit einigen Regisseuren über diese Oper gesprochen, und fast immer spürte er in den Gesprächen die Ironie. Aber Rose, dieser jung gebliebene Feuerkopf und Emotionalist unter den Bühnen- und Kostümbildnern und spät berufenen Regisseuren, besteht darauf, diese extreme Story um Liebe, Hass und Eifersucht ernst zu nehmen. Und nicht in Frage zu stellen, dass Norma, die oberste, sich der Keuschheit verpflichtete Druiden-Priesterin der Gallier, seit Jahren ein Verhältnis mit dem größten Feind, dem römischen Besatzer Pollione, hat und aus dieser Verbindung zwei Kinder existieren.

Was Jürgen Rose an diesem Werk so fasziniert, ist die Fallhöhe: Norma einerseits als Frau und Mutter, die zur Furie wird, da sie von ihrem Geliebten einer anderen wegen verlassen wird; und andererseits Norma, die Priesterin, als oberste Instanz in einer Männerwelt. Rose: "Eine Frau von höchster Autorität, die seit zehn Jahren mit der Lüge lebt. Diese Bereitschaft zum Verrat und dazu, aus Liebe alles aufzugeben, befähigt sie zu so großer Emotion."

Peter Jonas habe zu ihm gesagt, er sei der Mensch mit dem Mut zu Emotionen. Und darüber freut sich Jürgen Rose, denn es stimmt: "Das hat mich immer gereizt. Viele mögen das kitschig finden, aber ich bin in einem Alter, wo mir das egal sein kann." Als Gegensatz zu dem Reichtum an Gefühl sei der Schauplatz ein kühler Raum: "Eine Bühne, die ich entwickelt habe aus unseren Shakespeare-Aufführungen an den Kammerspielen: einen Abstraktionsraum, der Platz lässt für den Realismus der Emotionen."

Jürgen Rose lässt keinen Zweifel daran, dass er diese Oper für modern hält: "Ein Mann zwischen zwei Frauen. Die Schwächen des Mannes werden durch die Schwächen der Frauen aufgedeckt. Natürlich wollen am Ende die Tenöre immer Hand in Hand mit der Primadonna ins Feuer gehen. Aber da habe ich ,nein’ gesagt, wenn es auch ein ziemlicher Kampf war. Wo gibt's denn so was - im Tode vereint! Jedes große Liebespaar der Weltliteratur geht getrennt in den Tod."

Die Oper zeige zwar eine archaische Welt, sagt Rose, "eine Welt, die eigentlich am Ende ist. Die Zukunft liegt bei den Römern. Aber das ist doch immer der Punkt: Die neue Macht der Besatzer zerstört die alte Kultur. Assoziationsmaterial zu Irak und Afghanistan ist reichlich vorhanden."

"Wie alle Großen ist sie ganz bescheiden."

Jürgen Rose über Edita Gruberova

Die Widersprüche, in der sich die Heldin befindet - die hohe Position, die sie inne hat, das Ausüben der Macht für private Zwecke, die Lüge ihres Lebens -, die machen die Figur so interessant und auch heutig. Rose: "Diese Konflikte werden bei der Belcanto-Oper allein über die Stimme ausgedrückt. Da gibt es keine riesige, rauschende Musik. Und wie das die Gruberova macht, als reife Frau, mit allem, was sie übers Leben weiß, das braucht enormen Mut. Das ist fantastisch. Große Kunst. Und wie alle Großen ist sie dabei als Mensch ganz bescheiden."

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