Ostbahnhof ist für S-Bahnen wieder frei – noch immer herrscht Chaos

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Wenn der Analytiker zudringlich wird: Die Gräfin (Katharina Pichler), bedrängt von einer Freud-Puppe.

Pleite in Wahnmoching

München - Es war ein schräger, theaterwunderlicher Abend: Uraufführung von „Der Geldkomplex“ im Münchner Marstall. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Zunächst Schmunzeln im Marstall: das 50er-Jahre-Filmchen, in dem Schulkinder zu lauter wackeren Sparern abgerichtet werden. Ein Sofa-Berg, auf dem Schläfer wie die Jünger am Ölberg herumhängen. Dann aber schießt schrill aus einer Ritze eine Puppe hervor. Ein Mädchen mit Zopferln, rundem Gesicht, das, obwohl nicht fratzenhaft, so intensiv „schreit“, dass die Vorstellung schlagartig Spannung, Beunruhigung, Alarmstimmung bekommt. Tatsächlich schreit uns die Kleine an, und wir vergessen fast, dass das eigentlich Suse Wächter tut.

Zusammen mit Jürgen Kuttner hat sie das Projekt „Der Geldkomplex“ nach dem Briefroman von Franziska Gräfin zu Reventlow entwickelt. Das eineinhalbstündige Stück erlebte am Freitag am Bayerischen Staatsschauspiel seine Uraufführung. Und ist neben den aktuellen Bezügen eine Verbeugung vor Münchens Königin von Wahnmoching, der Reventlow – auch wenn die Gräfin ihr Buch nicht in Schwabing, sondern bereits in Ascona geschrieben hatte (1916 erschienen). Sie, die notorisch bankrotte Frau, stets gejagt von Gläubigern, hatte darin auf ihre sanft-satirische Weise Geldgeilheit, modischen Freudianismus und Frauenemanzipation verspottet. Recht deutlich floss ihr eigenes Schicksal – frei sein oder nicht, Geld haben oder nicht haben – mit ein.

Kuttner und Wächter denken also stets zum Roman Reventlows Vita hinzu. Verknäulen all das zu einem munter schrägen Abend, der nur manchmal ein wenig ermattet: wenn der Roman zu sehr nachbuchstabiert wird. Ansonsten darf man sich als Zuschauer kindlich begeistern an theaterwunderlichen Einfällen. Wenn etwa auf den, vom Frotteebademantel verhüllten, Mitspieler ein Interview-Film mit Rolf projiziert wird. Der Sohn von Franziska erzählt da als alter Herr, wie seine Mutter durch eine Scheinehe zu Geld kam und durch eine Banken-Pleite schnell wieder verlor. Oder wenn die Männerstimme aus dem Off raunende Psychologie-Entspannungs-Tipps zum Geldkomplex gibt: „Was sagt mein Toilettenritual über meine Ausgabenpolitik?“

Aber natürlich sind die Schauspieler ein Hauptpluspunkt der Inszenierung. Katharina Pichler und Carolin Conrad geben im Doppelpack „die Gräfin“ – ungeniert, drollig, selbstbewusst. Flankiert von Regisseur Kuttner selbst als Henry, dem alle Projekte missglücken, und Arthur Klemt als Lukas. Er ist der Nationalökonom im Sanatorium, in dem sich die vier tummeln, und versucht sich als Anlageberater bei der beratungsresistenten „Gräfin“. Hierin etwas unterfordert, darf der Schauspieler immerhin in Rezitationen (zum Beispiel ein Nietzsche-Gedicht) seine Skurrilität unter Beweis stellen.

Ganz schön abrödeln müssen sich jedoch alle, um neben den Handpuppen von Suse Wächter bestehen zu können. Die erscheinen meist in einer Traumsequenz und sind das absolut Beste an der Aufführung. Wächter und ihr Partner Peter Lutz führen die kleinkindergroßen Figuren dermaßen fabelhaft, dass man ihnen stundenlang zuschauen möchte. Obwohl das Mädchen und der halbverweste Erblasser (Geld!) expressiver sind, ist doch Sigmund Freud am hinreißendsten. Der ist eigentlich echter als echt, egal ob er im Erotik-Anflug die Doppel-Dame beglückt oder sitzend belehrt. Der putzige Psychoanalytiker war der Clou des unterhaltsamen Abends. Auch wenn er wie unsere Politiker den Geldkomplex weder durchschauen noch heilen kann. Sehr herzlicher Applaus.

Simone Dattenberger

Nächste Vorstellungen

25., 28. November, 1., 2., 6. Dezember, 089/21 85 19 40.

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