Plötzlich außerhalb der Welt

- "Es ist doch so: Ich kann doch nicht so viele Jahre warten, bis ich so alt bin wie Thomas Holtzmann. Als der in meinem Alter war, hatte er das ganze Repertoire schon einmal durchgespielt. Ich bin ja nicht Schauspieler geworden, um nicht zu spielen." Stefan Hunstein (48), seit 15 Jahren in Dieter Dorns Ensemble, erst Münchner Kammerspiele, jetzt Bayerisches Staatsschauspiel, unternimmt einen Abstecher nach Berlin.

Dort spielt er in Shakespeares "Kaufmann von Venedig" die Titelfigur, den Antonio. Das ist jene Rolle, die in der äußerst erfolgreichen Münchner Dorn-Inszenierung dem großen Holtzmann gehört. Als Shylock, in München der Part Rolf Boysens, ist in Berlin Ulrich Matthes zu sehen. Regie führt die junge Tina Lanik. Premiere ist an diesem Freitag, 16. September, im Deutschen Theater Berlin.

Ist für Sie Berlin nur ein Abstecher oder eine erste Neuorientierung?

Hunstein: Ich wollte einfach mal schauen, wie's woanders ist. Als ich das Angebot erhielt, habe ich mir keine Gedanken gemacht, ob das eine Perspektive sein könnte. Aber wenn man sich eine andere Stadt als München vorstellen wollte, dann nur Berlin. Ich finde Berlin eine äußerst lebendige Stadt und eine Herausforderung. Die Wirklichkeit findet hier statt, jedenfalls die bundesdeutsche. München hat seine eigene.

Sie kennen die Münchner "Kaufmann"-Aufführung, kennen Thomas Holtzmann als Antonio. Haben Sie konzeptionell etwas dagegen zu setzen? Vielleicht Ihre Jugend? Sie und Ulrich Matthes sind mehr als eine Generation jünger als Thomas Holtzmann und Rolf Boysen.

Hunstein: Der Antonio ist eine unglaublich schwere Rolle: weil nicht begründet ist, warum er so ist, wie er ist. Das muss man erfinden, in sich entdecken. Der hat alles - Geld und Macht, steckt mitten im Leben. Und plötzlich, zu Stückbeginn, sagt er: "Ich weiß nicht, warum ich traurig bin." Er ist am Ende angekommen. Wie Hamlet: Jemand steht plötzlich außerhalb der Welt. Er weiß vielleicht gar nicht, was er verloren hat. Sich und der Welt ein Fremdkörper zu sein - das kann ich nachvollziehen. Und dann kommt da dieses absurde, auch sinnliche Geschäft mit dem Stück Fleisch aus der Nähe des Herzens - das trifft seine Lebensmüdigkeit, seine Todessehnsucht, aber auch seine Lust.

Der aktuelle Bezug des Stücks über den Antisemitismus Antonios hinaus?

Hunstein: Das Schwierige ist doch, dass in Deutschland das Stück ohne die Hoch-Zeit des Antisemitismus, ohne den Holocaust nicht zu lesen ist. Ich versuche, die Zuschauer miteinzubeziehen, sie für meine Position zu gewinnen. Es geht hier ja auch um das große Rätsel des Irrationalen: Warum liebt man den einen, warum hasst man den anderen mit der gleichen Leidenschaft?

Gewinnt das Stück möglicherweise an gesellschaftlicher, politischer Aktualität dadurch, dass die Hauptrollen von Männern im so genannten besten Alter besetzt sind?

Hunstein: Das wäre zu wünschen. Ich fände es nämlich fatal, wenn das Stück heute einzig erzählt würde als eine Antwort auf die deutsche Geschichte.

Sie sind nicht nur Schauspieler, Sie sind auch Fotokünstler, ein ganz und gar konzeptioneller Künstler. In welcher Weise profitieren Sie von den beiden Berufen? Wie befruchtet die Fotografie die Schauspielerei und umgekehrt?

Hunstein: Das ist nicht ad hoc zu beantworten. Ich bereite gerade eine Ausstellung in Prag vor. Thema: 60 Jahre Befreiung von Nazi-Deutschland. Ich rücke da mit 60 Arbeiten an. Und es stellt sich immer wieder die Frage: Was ziehen wir aus der Fotografie bei der Betrachtung der Geschichte für Lehren? Die Fotografie macht es einem oft zu leicht, Dinge scheinbar erkannt zu haben. Fotografie und Theater - ich wünschte, dass sich beide gegenseitig mehr speisen. In "Ein Monat in Dachau" im Theater im Haus der Kunst in München - da ist es gelungen, dass sich diese Bereiche gegenseitig befruchtet haben. Da konnte ich Dinge aus der Bildenden Kunst nutzen fürs Theater und andererseits Theatergesetze für die Bildende Kunst. Ich versuche immer, die Menschen hineinzuziehen in die Geschichte, in den Diskurs, in die Welt. Wenn ich selber der Regisseur bin, habe ich viel mehr die Möglichkeit, die Dinge erzählen zu lassen, die Fotografien zum Sprechen zu bringen und den Raum.

Führt Sie das nicht zwangsläufig ins Regiefach?

Hunstein: Ich gebe zu: Der Gestaltungswille der Regisseure zwingt mich manchmal, meine eigenen Wahrnehmungen auszublenden, was mir mit zunehmendem Alter schwerer und schwerer fällt. Aber per se muss ich sagen: Ich spiele irre gern. Dass man sich so versammeln muss für den Auftritt, egal ob er groß ist oder klein, das finde ich wunderbar. Ich liebe es, in die offenen Augen der Zuschauer zu sehen. Das macht den Tag lebenswert. Da habe ich doch einmal etwas Sinnvolles gemacht. Und zur Regie: Als Fotokünstler versuche ich ja, mit Räumen umzugehen, für sie etwas zu machen. Das ist eigentlich eine Inszenierung. Ich genieße die Stille der Räume und das, was die Dinge zu sagen haben. Das ist manchmal interessanter als das, was ein Schauspieler zu sagen hat.

Wenn "Der Kaufmann von Venedig", wenn Ihr Antonio ein Erfolg wird - kommen Sie aus Berlin mit anderen Ansprüchen nach München zurück?

Hunstein: Sie meinen, ob ich dann Forderungen stellen würde? Das habe ich noch nie getan. Und ich weiß auch bis jetzt noch nicht, was ich in München spielen werde. Mein Problem ist: Ich habe keine Kontinuitäten mit Regisseuren. Ich bin kein so genannter Breth-, Peymann- oder Stein-Schauspieler. Ja, auch kein ausgesprochener Dorn-Schauspieler, obwohl ich seit 15 Jahren zu seinem Ensemble gehöre. Da bin ich traurig, dass ich das nicht geschafft habe.

Das Gespräch führte Sabine Dultz

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