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In seinem Roman „Mittwoch“ folgt Wolf Wondratschek einem 100-Euro-Schein, der von Hand zu Hand wandert, und entfaltet so das „Gewebe eines Tages“.

Neuerscheinung von Wondratschek

Roman "Mittwoch": Plötzlich strahlt die Welt herein

München - Dem Autor Wolf Wondratschek ist mit seinem neuen Roman ein außergewöhnliches Buch gelungen: "Mittwoch" heißt das Werk des 70-Jährigen, das von nichts Geringerem als dem Leben selbst erzählt.

Das Gespräch ist gerade eine halbe Stunde alt, als ein kleines Mädchen an den Tisch tritt. So energisch die Schritte waren, so schüchtern sagt sie zwei, drei Worte auf Kroatisch – und lässt Grashalme in Wolf Wondratscheks Hand rieseln. „Danke Dir“, sagt der Schriftsteller, wirklich berührt, derweil die Mutter mit einem verlegenen „Entschuldigung“ ihre Tochter weiterzieht. Wäre diese Szene nicht tatsächlich geschehen, an einem Montagvormittag vor einem Münchner Café (der Herbst ist deutlich zu spüren), man könnte sie sich gut vorstellen in Wondratscheks neuem, unbedingt lesenswertem Roman „Mittwoch“.

Natürlich erkennt der Autor sofort das Potenzial des Geschenks: „Das ist Poesie: Ein Kind kommt und gibt dir grünes Gras“, sagt er, als die Kleine und ihre Mutter um die Ecke gebogen sind. „Das hat mir ein kleines Kind geschenkt, für das die Welt voller Wunder ist.“ Ein bisschen wirkt es, als habe Wondratschek den Auftritt inszeniert. Schließlich hatte er gerade noch erklärt: „Poesie ist ein Mittel zur Erkenntnis: etwas ganz Präzises, das aber hohe Anteile an Irrationalität besitzt.“

Damit sind wir tief eingetaucht in „Mittwoch“, in diesen Text, der keine Hauptfiguren kennt und der dennoch – genauer: der gerade deshalb – von nichts Geringerem als dem Leben selbst erzählt. Denn: „Ist das nicht der Wunsch aller Nebenfiguren, einmal ins Rampenlicht zu treten?“, fragt Wondratschek. „Einmal angeschaut zu werden, einmal wichtig genommen zu werden, einmal Adressat einer höflichen Erwiderung zu sein? Alle sind sie wichtig. Und keiner ist wichtig.“ Eben ganz wie im wirklichen Leben.

Wondratschek, gerade 70 Jahre alt geworden, ist ein außergewöhnliches Buch gelungen, ausgehend von einer alltäglichen Idee: Der Erzähler folgt einem 100-Euro-Schein, der an einem Mittwoch zwischen acht und 18 Uhr von Hand zu Hand wandert. Das passiert zigfach jeden Tag in diesem Land. Und dennoch hat man nach der Lektüre das Gefühl, an etwas Besonderem teilgenommen zu haben. „Es ist das Gewebe eines Tages. Alles hängt mit allem zusammen“, erklärt der Autor, der in seinem Roman immer wieder die Zeit anhält. Nicht nur, um jenes Individuum zu entdecken, das gerade im Besitz der Banknote ist, sondern um die Leser mitzunehmen in unterschiedliche Milieus: in eine Autowerkstatt, in einen Friseurladen, in ein Bordell, in einen Tabakladen, in eine Zeitungsredaktion. Die Lebensgeschichten der Menschen, die wir dort treffen, sind mit keinen anderen vergleichbar. Aber: „Es strahlt die Welt herein.“ Das ist so ein Wondratschek-Satz, der das, was auf diesen über 240 Seiten passiert, treffend charakterisiert. Also ein Satz für den Klappentext. Nur hat der Autor eben diesen seinem Verleger untersagt, da er „bloßer Notbehelf“ sei.

Stattdessen ist auf dem Umschlag von „Mittwoch“ nun ein Zitat des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges (1899-1986) zu lesen: „Er ließ seinen Geist schweifen, und er gab diesem Geist die Gestalt vieler Personen.“ Wondratschek, der 1969 mit „Früher begann der Tag mit einer Schußwunde“ debütierte und heute in Wien und München lebt, macht genau das in seinem Text. Und mehr: „Ich beschreibe Menschen, denen ich gerne häufiger im Leben begegnen würde.“

Dabei ist er behutsam, klug und mit großer Empathie vorgegangen. Der Autor, dessen Gedichtzyklus „Das Mädchen und der Messerwerfer“ 2012 vom Bayerischen Staatsballett als Tanztheater uraufgeführt wurde, porträtiert seine Figuren quasi von außen nach innen, um die „richtige Beleuchtung“ zu finden, wie er es nennt. Dabei öffnet er im besten Fall Assoziationsräume, Einladungen an seine Leser, das Buch für einen Moment auf den Schoß sinken und selbst die Gedanken schweifen zu lassen. Das kann beglückend sein. Dabei sind es oft die scheinbar harmlosen Sätze, die dank ihrer Kraft Menschen auf Reisen schicken können.

Es gibt ein kurzes Gedicht von Wolf Wondratschek, aufgeschrieben vor mehr als zehn Jahren: „Es ist seltsam, wieviel wir erfinden müssen,/ um das Leben zu verstehen, denn was wäre/ die Realität ohne die Einsicht ihrer/ Erfindung, was für einen Wert hätte die/ Wahrheit ohne den Komfort des Humors/ und welche Wahrheit die Liebe ohne das/ Schicksal jener, die leiden?“. In „Mittwoch“ feiert der Autor das Leben in seiner Komplexität, seiner verwirrenden Schönheit.

Ja, verwirrende Schönheit. Denn was sagt Wondratschek am Ende des Gesprächs? „Was ist produktiver, als wenn einer einem die Sinne verwirrt? Entsteht so nicht alles? Liebe, Leidenschaft, Erkenntnis. Das ist die Aufgabe von Literatur: Die Befehlsgewalt des Verstandes oder der Vernunft außer Kraft zu setzen.“ Dann drückt der Dichter seine Zigarette aus, verabschiedet sich höflich, geht. Und ein kräftiger Windstoß, der bereits vom Herbst kündet, trägt die Grashalme, das Geschenk des Mädchens, die gerade noch auf der blanken Tischplatte lagen, weit über den Platz.

Wolf Wondratschek: „Mittwoch“. Jung und Jung, Salzburg und Wien, 244 Seiten; 22 Euro.

Von Michael Schleicher

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