Poesie als Hoffnungsspender

- "Es mag sein, so soll es sein!/Faß ein Herz und gib dich drein;/ Angst und Sorge wird's nicht wenden./ Streite, du gewinnst den Streit!/ Deine Zeit und alle Zeit/ Stehn in Gottes Händen."

Mut sollen sie machen, Freude spenden, Ängste, Sorge, Trauer bezwingen, Zweifel zerstreuen. So wie diese Strophe aus Rudolf Alexander Schröders Gedicht "Es mag sein" aus dem Jahr 1939.

Von politischen Häftlingen, ob aus der NS-Zeit oder aus der Zeit des Stalinismus, ist bekannt, welche Kraft jene Gefangenen aus Liedern, Versen und Gebeten schöpften, die die tröstlichen Texte in ihrem Herzen trugen. Poesie, die zum Hoffnungsspender wird, Lyrik, die hilft zu überleben - sie sind vor allem in der geistlichen Literatur zu finden.

"Von guten Mächten wunderbar geborgen" ist der von Dirk Ippen unter Mitwirkung von Marlene Ippen und Albrecht Nelle herausgegebene Band, der "Die schönsten 100 geistlichen Lieder und Gedichte" versammelt, von Martin Luther bis Matthias Claudius, Paul Gerhardt bis Schalom Ben-Chorin. In ihrer Schönheit gründet sich ihre Popularität, in ihrer Direktheit liegt die unmittelbare Wirkung. Auswendiglernen ist längst nicht mehr angesagt, aber immer wieder darin zu lesen, dazu lädt das Buch auf angenehme Weise ein. Die Auswahl der Texte erfolgte weniger nach ihrer theologischen Bedeutung in den christlichen Kirchen; maßgebend war vor allem ihre anhaltende Beliebtheit.

Geordnet ist die Fülle der Werke aus neun Jahrhunderten nach dem Jahresverlauf. Zum Einstieg das Gedicht, dem der Buchtitel entstammt, "Von guten Mächten", das auf der Grenze vom alten zum neuen Jahr die Wünsche fürs Kommende ausdrückt. Dietrich Bonhoeffer ist der Verfasser, der evangelische Theologe, der im April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet wurde. Mit diesem Wissen liest man die 1944 geschriebenen Strophen anders: "Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern/ des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand/ . . ." - das sind Zeilen, die zutiefst berühren. Doch so düster ist nicht alles. Es geht auch um Maienlust, Weihnachtsfreud' und Lobgesang. Um Jubelklänge - "Erde singe, daß es klinge" von Johannes von Geissel - und Kinderfragen - "Weißt du, wieviel Sternlein stehen" (1837) von Wilhelm Hey.

Dennoch, der Tod spielt in diesem Buch seine gewichtige Rolle. Bewegt vertieft man sich als Leser in das so bekannte "Es ist ein Schnitter, der heißt Tod" (1638) von Philipp Nicolai oder lässt sich ergreifen von Ludwig Uhlands Vierzeiler "Auf den Tod eines Kindes" (1860). Mut darf man danach fassen beim "Wessobrunner Gebet", dem Schöpfungsgedicht in bairischer Mundart aus dem 9. Jahrhundert und ältesten Zeugnis deutscher Gebetsliteratur; in dieser Ausgabe leider nur in der hochdeutschen Version abgedruckt.

Dirk Ippen (Hrsg.): "Von guten Mächten wunderbar geborgen" - Die 100 schönsten geistlichen Lieder und Gedichte. Verlag C.H. Beck, München, 171 Seiten; 12 Euro. Das Buch erscheint am 27.9.

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