Poesie-Paradies: Zum Tode des großen Lyrikers Peter Rühmkorf

Hamburg - Gerade noch lief die Meldung über die deutschen Nachrichtenagenturen, dass Peter Rühmkorf den Literaturpreis für grotesken Humor der Stadt Kassel bekomme. Damit werde der "rote Romantiker" geehrt.

Das hätte dem Lyriker, Erzähler und Essayisten gefallen: Zum großen Abgang ein Lobpreis - der im Zeitpunkt so schön grotesk daherkommt. Brav schickte denn auch die Stadt die Versicherung hinter dem Toten her, dass er die Ehrung natürlich auch postum erhalte.

Rühmkorf starb am Sonntag, wie der Rowohlt Verlag mitteilte, im Alter von 78 Jahren an einer Krebserkrankung. Seine letzte Lebensphase hatte er mit seiner Frau Eva-Maria in einem Bauernhäuschen im Lauenburgischen (Schleswig-Holstein) verbracht. Hamburg hatte er verlassen - wegen der Krankheit. Ein Jahr war er im Krankenhaus - "ein furchtbares Martyrium" bekannte der sonst fröhliche, selbstironische Dichter, der den Tod als literarisches Sujet naturgemäß "ein interessantes Thema" fand.

Zum Glück hat er seinen Lesern noch ein wunderbares Abschiedsgeschenk gemacht, seinen letzten Gedichtband: "Paradiesvogelschiß". Mit diesem Titel ist schon alles über Peter Rühmkorfs poetische Strategie gesagt: Dichtkunst ist kein abgehobenes oder blutleeres Gesäusel, nein, sie langt richtig hin - ins Leben. Ohne modisches "Feuchtgebiet"-Getue, dafür voll von echter Kunst.

So hebt der Gedichtband mit der "Ballade von den geschenkten Blättern" folgendermaßen an: "Es war mal ein Paradiesvogelschiß,/ der schien sich sogleich seiner Sendung gewiß,/ weil er klackste bei mir in den Garten./ Bei so etwas liegt der Gedanke nicht fern,/ vielleicht birgt er einen nützlichen Kern ­/ Mal warten."

Dass aus so einem Schiss nur ein Märchenbaum sprießen kann, erfährt der Mann gerade noch rechtzeitig, bevor er den Baum umsägt. Denn die (Text-)Blätter sind des Poeten Versicherung: "und es mangelt dir eines Tages an Witz/ dann greif nur zurück auf deinen Besitz,/ und es knattern wie eh die Poengten..."

Rühmkorf nahm nicht nur unnachahmlich wort-virtuos die eigene Zunft auf den Arm, er konnte politisch wie gesellschaftskritisch sehr deutlich werden. Nicht umsonst beginnt er sein Märchen "Das Auge des Gerechten" mit: "Die Lüge, die Dummheit und der freche Rotz sind gewiß noch niemals um Entschuldigungen verlegen gewesen; heute stehen sie fett im Kraut..."

Als Sohn einer Lehrerin und eines Puppenspielers wurde Peter Rühmkorf am 25. Oktober 1929 in Dortmund geboren. Er studierte in Hamburg Literaturwissenschaft und Psychologie. Schon als Lektor bei Rowohlt begann er zu schreiben. Seiner politischen Ader frönte er in "konkret", im Kabarett und Engagement für die SPD. Der Paradiesvogel der Poesie war ihm aber immer wichtiger.

Auswahl von Gedichten, Erzählungen und Aufsätzen"Heiße Lyrik" (1956, mit Werner Riegel) "Kunststücke. Fünfzig Gedichte nebst einer Anleitung zum Widerspruch" (1962) "Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich" (1975, Essays und Gedichte) "Bleib erschütterbar und widersteh" (1984) "Tabu I" (1995, Tagebücher 1989 bis 1991) "Wenn - aber dann. Vorletzte Gedichte" (1999) "Tabu II" (2004, Tagebücher 1971 und 1972) "Wenn ich mal richtig ICH sag..." (2004) "Die Märchen" (2007, Erzählungen, Entwürfe) "Paradiesvogelschiß" (2008, Gedichte).

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