Poesie des Rennens

- Dieses Buch ist ein kleines literarisches Glücksgefühl im Sattel. Die Niederländer haben es seit 28 Jahren - in Deutschland hat man genauso lange darauf gewartet. Jetzt weiß man warum. "Das Bewusstsein ist klein auf einem Fahrrad, je größer die Anstrengung, desto kleiner. Jeder aufkommende Gedanke ist sofort absolut wahr, jedes unerwartete Ereignis ist etwas, das man schon immer gewusst, aber einen Moment lang vergessen hatte.

Was sich während des Rennens im Kopf des Fahrers dreht, ist eine monolithische Kugel, so glatt, so gleichmäßig, dass man die Drehungen nicht einmal sehen kann."

Möchte man bei solchen Sätzen nicht ein Rad besteigen und irgendwo ein Rennen fahren? Nur um zwischen Kilometer 34 und 36 zu ähnlich athletisch klaren Poesien fähig zu sein, wie sie der erfolgreiche Amsterdamer Schriftsteller und Journalist Tim Krabbé (geboren 1943) - in Leben wie Schreiben ein Rennfahrer und ein Schachspieler - am drehenden Rad produziert?

Tim Krabbés 1978 in den Niederlanden erschienener autobiografischer Roman "Das Rennen" ist inzwischen in zahlreiche Sprachen übertragen worden. Organisierte Touren radeln sogar eine Woche lang auf seinen Spuren. Denn "De renner", so der Originaltitel, ist mehr als nur der spannende Bericht der Mont-Aigoual-Rundfahrt eines gut gelaunten Späteinsteigers. Er ist ein Herzschlag und eine Philosophie, ein Drehbuch, das sich während des Lesens selbst verfilmt.

Es ist der 26. Juni 1977, für die gesamte Länge des Buches. Von Kilometer 1 bis 137 hängt Krabbé seinen Leser dicht an sein Hinterrad und nimmt ihn - in Echtzeit beinahe - mit auf seine viereinhalbstündige Verfolgungsjagd durch die südfranzösischen Cevennen. Er teilt mit ihm die Zustände eines Radrennfahrerkörpers: die Hitze des Kletterns, die Kälte auf dem Gipfel, die Vorfreude, aber auch Trauer beim Gedanken ans stetig nahende Ziel, den inneren und äußeren Rhythmus und die Resignation beim Verlust desselben, den Kampf gegen das Wetter und gegen die Bequemlichkeit der "Hinterradlutscher", die antizipierten Stürze, ja tödlichen Abstürze, die Momente panischer Angst, die Déjà`-vus - die ganze Seele. Radsportlegenden tauchen in seinem Windschatten auf, fordern ihn zu halbwahren Anekdoten heraus und verschwinden wieder. Lustvoll geschilderte Exkurse unter dem Titel "Meine Sportkarriere" schüren die Spannung auf den Ausgang des Rennens, den Triumph des Siegers, den Frust des Besiegten. Oder wird es anders herum sein?

"Warum machen wir weiter?", fragt Krabbé sich und seinen ständigen Begleiter, die Qual. Die Kenntnis hinter der Profanität seiner Antwort steht für das ganze berauschende Buch: weil es das Rad und das Rennen gibt. Und den Willen des Sportlers.

Tim Krabbé: "Das Rennen". Aus dem Niederländischen von Susanne George. Reclam, Leipzig, 168 Seiten; 12,90 Euro.

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