Poesie aus Schweiß und Säure

- Es muss Anfang der 40er-Jahre sein, als Pablo Nerudas Poesie ihre Feuerprobe besteht. Er wird zu einer Lesung gebeten: In einer baufälligen Halle der Vega Central, des großen Obst- und Gemüsemarktes in Santiago de Chile, soll er vor der Gewerkschaft der Lasten-Verlader seine Gedichte vorstellen. Mit stumpfen Gesichtern blicken ihm die Arbeiter entgegen: nicht eben das klassische Lyrik-Publikum. Doch dann geschieht das Wundersame. Pablo Neruda trägt seine Verse voller suggestiver, oft schwer erschließbarer Bilder vor. Und am Ende fließen vielen der sonst so rauen Gesellen Tränen über die Wangen.

<P>Der große chilenische Poet, der am 12. Juli 100 Jahre alt geworden wäre, beschreibt diese Szene in seinen Memoiren "Ich bekenne, ich habe gelebt". Sie ist symptomatisch für die Macht, die Nerudas Dichtung innewohnt. Die Episode steht aber auch für die Selbstdefinition Pablo Nerudas als Dichter des Volkes, als einer, der entschieden auf Seiten derer "ohne Schule und ohne Schuhe" steht. Eine Parteinahme, die manche Neruda bis heute übel nehmen, denn sie hatte auch eine politische Seite: Neruda trat 1939 der Kommunistischen Partei bei, wurde 1945 Senator, 1969 Präsidentschaftskandidat.</P><P>"Papa, heißt du, Kartoffel, und nicht Patata"<BR>Pablo Neruda</P><P>Die weltliterarische Bedeutung des Nobelpreisträgers von 1971 ist nicht zu bestreiten. Wie die Werke nur weniger anderer Dichter des 20. Jahrhunderts wurden seine Bände zu wahren Lyrik-Bestsellern. Unkompliziert war freilich nur die Rezeption seiner Liebespoesie. Sein Jugendwerk "Zwanzig Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung", geschrieben 1923, wurde zum Kultbuch für Generationen. 1952, in "Die Verse des Kapitäns", besingt Neruda noch einmal die Liebe, nicht mehr mit der ungestümen Leidenschaft des Jugendlichen, sondern mit erfüllter und gelassener Heiterkeit. Erst 1963 bekennt sich Neruda zu diesem Werk, das er zuvor anonym veröffentlicht hatte, um die Gefühle seiner zweiten Ehefrau Delia del Carril nicht zu verletzten. Denn die "Verse des Kapitäns" sind der dritten Frau, Matilde Urrutia, gewidmet.</P><P>Das ist der Neruda, dessen Bild viele aus dem Spielfilm "Der Postmann" mit Philippe Noiret in Erinnerung haben. Auch das Pseudonym Pablo Neruda ist übrigens der Rücksichtnahme auf die Gefühle anderer entsprungen. Der Vater, ein Zugführer, hielt das Schreiben als Beruf für seinen Sohn Ricardo Eliezer Neftalí´ Reyes Basoalto für ungeeignet. Dieser hatte als Jugendlicher den Namen des tschechischen Dichters Jan Neruda in einer Zeitschrift aufgeschnappt.</P><P>Vollends gelingt Neruda der Durchbruch mit "Aufenthalt auf Erden", entstanden unter dem traumatischen Eindruck der absoluten Isolation. Schon als junger Mann wird er als Konsul nach Rangun, Colombo, Batavia (Jakarta) und Singapur gesandt. Für Neruda eine Erfahrung von Einsamkeit, die sich in düsteren Visionen von Zerfall und Tod niederschlagen. Mit "Aufenthalt auf Erden" beginnt aber auch Nerudas Wandlung zum revolutionären Dichter. Was er im Spanischen Bürgerkrieg mitangesehen hat, macht es ihm unmöglich, seine Dichtung weiter um sein Innenleben kreisen zu lassen. Er tritt von nun an für eine "poé´sie impure" ein, eine "unreine Dichtung", "von Handarbeit abgenützt wie von einer Säure, von Schweiß und Dunst durchzogen, von dem Geruch nach Urin und nach Lilie". </P><P>Den Platz des Dichters sieht er auf der Straße. In der Heimat findet er seine Aufgabe darin, sich für die Arbeiter der Salpeter-Minen einzusetzen. Im "Großen Gesang", von vielen als sein Hauptwerk angesehen, wird er zum Chronisten des amerikanischen Kontinents, besingt das Schicksal der Indianer, die Conquista durch die Spanier, die Unabhängigkeitsbewegungen. Und er prangert die Hegemonie der Vereinigten Staaten an. Mit seiner Politisierung wird Nerudas Werk zunehmend angreifbar, sie polarisiert auch die Aufnahme in Deutschland. Während der Schriftsteller in der DDR auf den Lehrplänen steht, wird er in der Bundesrepublik lange Zeit weitgehend ignoriert. Hans Magnus Enzensberger urteilt, die Poesie des Chilenen sei zur "Magd der Politik" verkommen. Die Wahrnehmung Nerudas ändert sich grundlegend erst kurz vor seinem Tod, als 1973 der Militärputsch gegen Salvador Allende _ dessen Wahl Pablo Neruda entschieden unterstützt hatte - die politischen Sympathien auch im Westen neu verteilt. </P><P>Manchen Vers Nerudas mag die Geschichte hinweggefegt haben. Ein Großteil seines Schaffens aber bleibt unvergänglich. Wie die "Ode an die Kartoffel", in der er die amerikanische Bezeichnung "Papa" beschwört und vom spanischen Wort "Patata" abgrenzt: "Papa, heißt du, Kartoffel, und nicht Patata". Das sind Zeilen, die wie so viele andere aus seiner Feder unverrückbar zur lateinamerikanischen Selbstdefinition gehören. Und die Pablo Neruda bis heute zur bedeutendsten lyrischen Stimme seines Kontinents machen.</P>Pablo Nerudas schönste 100 Gedichte: "In deinen Träumen reist dein Herz". Hrsg. Fritz Rudolf Fries, Luchterhand Literaturverlag, München, 224 Seiten; 12 Euro.

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