Poesie des Vergangenen

- Eine Frau dreht sich auf einer Wiese wie geistig verwirrt um sich selbst. Sie deutet auf verschiedene Stellen vor sich, beschreibt auf Englisch das Wohnzimmer und die Toilette, platziert vor ihrem inneren Auge den Herd und das Schränkchen mit der Schokolade. An dieser so belanglos erscheinenden Stelle in Sarajewo, an der nie mehr als Gras existiert zu haben scheint, befand sich vor dem Krieg die Wohnung, in der die Großeltern der Erzählerin lebten, und später sie selbst.

Ein Porträt des Kontinents

Weil sich hier die Spuren der Vergangenheit allein in der Erinnerung der Menschen bewahrt haben, ist das großformatig projizierte Video der Künstler Maja Bajevi´c und Emanuel Lucha das krasseste Zeugnis des Verschwindens in der Ausstellung "Last & Lost". Die Foto- und Video-Schau im Münchner Literaturhaus ist Teil des Gesamtprojekts "Last & Lost", das neben einer Buchveröffentlichung auch Veranstaltungen in Berlin umfasst.

Seinen Anfang nahm das vielgestaltige Projekt, als die Suhrkamp-Lektorin Katharina Raabe und die polnische Verlegerin Monika Sznajderman Autoren aus 15 europäischen Ländern, darunter den gerade mit dem Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichneten Juri Andruchowytsch, Dagmar Leupold und Andrzej Stasiuk, beauftragten, Texte über Orte des Verfalls und Verschwindens zu verfassen und damit ein Porträt des europäischen Kontinents zu zeichnen. Parallel dazu wurde von Katrin Lange vom Münchner Literaturhaus und von Kurator Rudolf Scheutle diese schöne Schau gestaltet, die bei aller nüchternen Dokumentation des Heutigen so poetisch von der Lebendigkeit des Vergangenen erzählt.

Einzig der Fotograf Hanns Otte wurde gezielt zum ehemaligen Sanatorium Hohenlychen in der Uckermark geschickt, wo er in den verfallenen Räumen eine bezaubernde Farbigkeit einfing. Alle anderen Fotografen hatten sich unabhängig von "Last & Lost" bereits mit Orten in der Provinz oder an der Peripherie beschäftigt. So der Niederländer Dik Bouwhuis, der seit 1999 die Mittelmeerküste von Spanien bis Griechenland fotografiert: Eine lückenlose Linie, auf Nasa-Aufnahmen aus dem All als nächtliche Lichterkette erkennbar. Seine großen, blassen Arbeiten zeugen von der nagenden Zerstörung durch den Massentourismus. Renate Niebler zeigt aus der Serie "Maxhütte - Industriekultur in der Oberpfalz" metallisch glänzende, glasklare Huldigungen an die Schönheit von gewaltigen, zum Abbruch bestimmten Industriehallen.

Und Milan Aleksi´c ist mit einem verlassenen Hochhaus in Jugoslawien, dessen zerfledderte Jalousien das Raster des Turmes zu verzieren scheinen, eine merkwürdig zarte Anspielung auf die grausame Zerstörung der Twin Towers gelungen. Entstanden ist eine Ausstellung, die staunend das Staunen lehrt: Weil sie entdeckt, wie der Verfall westlicher Errungenschaften und die Zerstörung durch Kriege oder durch den Wandel von Ideologien in Osteuropa immer wieder aufeinander verweisen.

Bis 30. April; Tel. 089/ 29 19 340.

"Last & Lost. Ein Atlas des verschwindenden Europas".

Hg. v. Katharina Raabe und Monika Sznajderman, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 336 Seiten; 29,80 Euro.

www.lastandlost.com

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