Poesie, Zauber und Geheimnis

- Fünfzehn zierliche, blau gefiederte Gänse fliegen in pfeilförmiger Formation durch den lichten Raum. Eine zartgraue Notentapete trägt die Handschrift des Genies. Hinter kleinen Bullaugen in der Wand entdeckt der Besucher historische Alltagsrelikte wie eine Haarlocke, einen Ring, eine kleine Dose, aber auch ein weißes Kaninchen in einer schrill ausstaffierten Box. Hier wurde Mozart geboren - Anno 1756. Hier hat nun Robert Wilson gewirkt. Im Rokoko-Haus Nr. 225 am Salzburger Löchelplatz erblickte der Komponist das Licht der Welt, die sich gerade anschickt, seinen 250. Geburtstag am 27. Jänner 2006 ein ganzes Jahr lang zu feiern.

Amadé am Klavichord

Salzburg, als Nabel dieser Welt, startete zum Mozart-Marathon mit einer neuen Konzertreihe "Dialoge" und eröffnete exakt am 214. Todestag seines großen Sohnes, am 5. Dezember, die neu gestalteten Räume in Mozarts Geburtshaus in der heutigen Getreidegasse 9.

Die Internationale Stiftung Mozarteum, die das Erbe des Komponisten pflegt, riskiert aber auch die aktuelle Auseinandersetzung mit Mozart. Nachdem der Komponist Georg Friedrich Haas sie mit einer Reaktion auf das unvollendete Requiem bei den "Dialogen" aufgenommen hatte, schrieb Robert Wilson, der texanische Künstler und Regisseur, sie fort. Als er vor einem Jahr erstmals die geräumige Mozart-Wohnung besuchte, staunte er, wie viele Eltern mit ihren Kindern durchs Mozart-Haus wanderten. "Das war der Schlüssel für mich. Ich wollte die Kinder ansprechen und überhaupt die Leute von der Straße, die nichts von Mozart wissen."

Ein nahe liegender Ansatzpunkt, denn die Hunderttausende (2006 werden 500 000 erwartet), die jährlich durch das denkmalgeschützte Gemäuer drängen, sind keineswegs allesamt Mozart-Kenner. Wilson nun nimmt sie in seiner minimalistischen, zwischen Licht und Dunkel angesiedelten, zarten Installation mit auf eine kleine Reise voller Poesie, Zauber und Geheimnis. Die alten Vitrinen haben ausgedient, die Spuren der Vergangenheit will Wilson durch seinen künstlerischen Kontrapunkt beleben.

Der Weg beginnt in einer Kammer: Auf einem weißen Kinderbettchen ruht ein bleicher Mozartkopf (geschnitzt in Oberammergau), fahl beleuchtet von einer heiligenscheinrunden Neonröhre. Mozart als altes Kind, ein Frühvollendeter auf dem Geburtsbett oder der Totenbahre. Die Wände gespickt mit Bildern, Scherenschnitten, "Zauberflöten"-Figurinen. Im Wohnzimmer versammelt Wilson die Familienporträts. Neben jedem steht ein Stuhl in strengem, hell-kühlem Design. Ob die Familie von dort aus dem kleinen Amadé lauscht, der am Klavichord in der Mitte erste Kompositionsversuche macht?

Hund am Cembalo

Tiefe Cello-Töne dringen aus dem nachtschwarzen Raum, in dem das großformatig an die Wand geworfene, unvollendete Porträt seines Schwagers Joseph Lange mit dem reizenden Medaillon von Doris Stock konkurriert. Über eine Pawlatschen (Balkon), wo Wilson die Neonschrift "Madame Mutter! Ich esse gerne Butter" (ein Mozart-Zitat)  installierte,  geht es ins hintere Zimmer. Dort überrascht Wilson mit einem Schabernack à` la Mozart: Auf einem Cembalo thront ein Hund, ein Mann mit Flinte und eine erschreckte Frau haben ihn im Visier. Auf Knopfdruck werden die drei Schießscheiben-Figuren lebendig: Der Hund bellt eine Melodie (Wilson persönlich), der Mann schießt, und die Frau reckt die Arme in die Luft.

Danach steht Salzburg Kopf: Im Stuck-Relief an der Decke hängt ein Stadtmodell, an den Wänden historische Stiche, und derweil der Gast durch den Himmel marschiert, hört er Stadtgeräusche. Zuletzt wird er in einen halbdunklen Raum entführt, auf dessen Schiefertafel-Wänden wichtige Mozart-Stationen aufgeschrieben sind: Städte, Werke, Opernfiguren. Und während "Figaro"-Klänge zart aus dem Lautsprecher tönen, schreiten zwei kopflose Mädchen in silbrig schimmernden Kostümen ins Licht - eine zarte Huldigung, ein magischer Moment.

Wunderschön und witzig ist Wilsons Mozart-Hommage, aber so fragil, dass man um ihre Unversehrtheit fürchtet. Und ihr fürs Geburtstagsjahr nur eines wünscht: 500 000 schöngeistige Genießer.

Getreidegasse 9; 9-18 Uhr; Tel. 0043/ 662/ 84 43 13.

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