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Von mehreren Schlaganfällen gezeichnet: Tomas Tranströmer (80) in seinem Stockholmer Haus.

Nobelpreis für den Poeten, den alle lieben

Stockholm - Es ist eine echte Überraschung: Der Literatur-Nobelpreis geht an Schwedens berühmtesten Lyriker Tomas Tranströmer.

In Stockholm glaubten viele, dass die Nobelpreis-Jury dem schwerbehinderten und inzwischen 80 Jahre alten Tomas Tranströmer die Aufregung um den wichtigsten Literaturpreis der Welt ersparen wollte. Abgesehen davon war lange klar, dass Schwedens berühmtester Lyriker den Preis wie wenige verdient hat. Jetzt ist die Auszeichnung da – und bei der gestrigen Bekanntgabe brandete Jubel auf. Mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro ist diese Auszeichnung dotiert, die am 10. Dezember in Stockholm überreicht wird.

Zum 80. Geburtstag am 15. April hatte Schwedens Regierung Tranströmer einen Professorentitel geschenkt. Sein Schriftstellerkollege Lars Gustafsson schrieb damals in der Zeitung „Dagens Nyheter“: „Er ist ein Mystiker, ein Dichter, der Null gesehen hat, den leeren Punkt im Zentrum, ohne den nichts ist.“ Schwedens größte Zeitung „Aftonbladet“ nannte Tranströmer den „Poet, den alle lieben“.

„Wo andere hundert Worte machen würden und zehn genügten, da gibt uns Tranströmer ein einziges“, meinte ein anderer Kritiker, als Tranströmers sehr schmaler Gedichtband „Das große Rätsel“ in deutscher Übersetzung im Hanser Verlag erschien.

Der Sprecher der Schwedischen Akademie, Peter Englund, sagte bei der gestrigen Bekanntgabe des Nobelpreises: „Tranströmer ist einer der größten Poeten unserer Zeit.“ Der Lyriker habe den Preis bekommen, weil er „uns in komprimierten, erhellenden Bildern neue Wege zum Wirklichen weist“.

Abgerungen hat sich der Schwede die Gedichte, die nach der Erkrankung entstanden sind, in einem mühsamen und komplizierten Prozess mit seiner Frau Monica Bladh-Tranströmer. Der leise Poet kann nach mehreren Schlaganfällen kaum mehr als „Ja“ oder „Nein“ sagen. Trotzdem sind seitdem mehrere Gedichtbände erschienen, meist in der strengen minimalistischen japanischen Haiku-Form, sowie auch seine Autobiografie „Die Erinnerungen sehen mich“.

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Bei seinen seltenen öffentlichen Auftritten trägt Tranströmer stets den Gesichtsausdruck eines Menschen, der mit sich im Reinen ist. Zum 80. Geburtstag ließ sich der scheue Dichter interviewen und auch fotografieren. Beim einhändigen Spiel am Flügel, bei Ausflügen im Rollstuhl und beim Training mit der Physiotherapeutin. Im Interview begann Tranströmer, so gut er konnte, mit den Antworten, Ehefrau Monica vollendete. Der Reporterin von „Svenska Dagbladet“ gefiel, wie sich das Paar verständigte: „Wenn er etwas zu sagen versucht, fängt sie das elegant auf und bringt den Gedanken zu Ende.“ Während sie spreche, suche die Ehefrau mit Blicken zu Tomas Vergewisserung, ob sie das Richtige sagt.

Nach seinem Debüt als Lyriker 1954 dauerte es fast drei Jahrzehnte, ehe die Kritik auch international auf Tranströmer aufmerksam wurde. Die ersten Berufserfahrungen sammelte er Mitte der Fünfzigerjahre als Mitherausgeber einer Zeitschrift in Uppsala. Anfang der Sechziger arbeitete der studierte Psychologe und Literatur- sowie Religionswissenschaftler zunächst als Anstaltspsychologe für jugendliche Strafgefangene. Von 1966 bis zu seinem ersten Schlaganfall schrieb er Gedichte, halbtags war er als Berufsberater in verschiedenen Arbeitsämtern tätig. Später wurde es im Gefolge der 68er-Bewegung deutlich ruhiger um Tranströmer, der politisch niemals in Erscheinung getreten ist.

Erst Jahre später entdeckten ihn Kritik und Publikum neu. 1981 erhielt der Schwede den deutschen Petrarca-Preis, 1990 den Literaturpreis des Nordischen Rates und 1992 wiederum in Deutschland den Horst-Bienek-Preis. In seinen vom Umfang her ebenfalls sehr knappen Erinnerungen heißt es: „Mein Leben. Wenn ich dieses Wort denke, sehe ich einen Lichtstreifen vor mir. Bei näherer Betrachtung hat der Lichtstreifen die Form eines Kometen, mit Kopf und Schweif.“ Der Kopf sei die Zeit des Heranwachsens, der Kern, sein dichtester Teil, die sehr frühe, entscheidend prägende Kindheit. „Weiter hinten verdünnt sich der Komet – das ist der längere Teil, die Zeit unseres Erwachsenenlebens.“

Marcel Reich-Ranicki kann sich übrigens nicht erinnern, den Namen des Literaturnobelpreisträgers Tomas Tranströmer schon mal gehört zu haben: „Ich habe keine Ahnung, wer der Lyriker ist.“

Thomas Borchert

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