Der Poet mit der entfesselten Kamera

- Schwer zu sagen, ob die Erfolgsspur des Wilhelm Plumpe aus Bielefeld bis nach Hollywood verlaufen wäre, wenn er sich nicht den feinsinnigeren Künstlernamen Friedrich Wilhelm Murnau gegeben hätte. Ob es Zufall ist, dass der Stummfilmpionier und Bilderpoet genauso heißt wie der Marktflecken am Alpenrand? Auf diese Frage setzt die neue Ausstellung im Schlossmuseum Murnau, das jetzt sein zehnjähriges Bestehen feiert, gleich zu Beginn ihren Punktstrahlerglanz.

<P>Ein Foto von 1924 zeigt Murnau im knöchellangen Mantel neben einem Cabriolet mit Berliner Kennzeichen vor einer Bergkulisse bei Murnau. Es ist das einzige Zeugnis für einen persönlichen Bezug zwischen Ort und Regisseur. Doch die schwindeligen Beweise für die These, dass der Ortsname für den Künstlernamen Pate stand, sind kein Mangel. Wer eine lokale Vereinnahmungsgeste vermutet, hat sich getäuscht. Denn die Suche nach Fundstücken für die Verbindung zwischen Murnau und Murnau führt den Besucher ein in die Bild- und Denkwelt eines frei flottierenden Geistes.<BR><BR>Die Schau konzentriert sich auf die Verbindungsstellen zwischen dem Kino und seinen Geschwisterkünsten, der Literatur, dem Theater, der bildenden Kunst und der Architektur. Sie übersetzt Murnaus Werk zurück in die Welt, aus der es kommt, nämlich aus einem Pool an Wahrnehmungs-Erfahrungen: seine ersten Auftritte als Schauspieler, der Kontakt zu Max Reinhardt, die Nähe zur Lyrik von Else Lasker-Schüler und die Beschäftigung mit dem Blauen-Reiter-Vorläufer "Neue Künstler-Vereinigung München" um Kandinsky und Münter. Besonders erkenntnisreich sind die Recherchen zum Verhältnis von Gemälden und Filmbildern. Dass Murnau Werke der bildenden Kunst zitierte, ist bekannt. Doch die Konfrontation seiner Arbeit etwa mit Stadtkulissen eines Edward Munch oder Alfred Kubin zeigt, dass der Erfinder der "entfesselten Kamera" sein Material scharf analysierte, um es in eine eigene Ordnung zu bringen.<BR><BR>Fotos aus dem Nachlass zeigen ihn neben Henri Matisse während der Dreharbeiten zu "Tabu" auf Tahiti oder mit Ernst Lubitsch in Hollywood. Darunter eine handschriftliche Widmung: ",Dem Amerikaner Murnau, herzlichst Bertolt Viertel in Europa-Müdigkeit." Der Theatermann bringt die Melancholie der Zwischenkriegszeit auf den Punkt. Auf der Suche nach Rohstoffen, Schablonen und Themen war Murnau ihr nach Hollywood entflohen, verbunden mit der alten Welt durch sein Pseudonym.<BR><BR>Während sich die Murnau-Retrospektive im Berliner Filmmuseum aufs filmische Werk konzentrierte, kennzeichnet die ambitionierte, genau nachforschende Murnauer Ausstellung Leben und Karriere des Regisseurs als eine "Ars combinatoria", in der sich innere und äußere Erlebnisse neu ordnen. "Wirkliche Kunst ist einfach, aber Einfachheit erfordert die höchste Kunst" - so Murnaus Mantra. Die Gemeinde gleichen Namens gewährt nun einen Blick auf die komplexen Zusammenhänge, die dieser Einfachheit zu Weltruhm verhalfen. Ein Film-Loop mit Szenen aus "Nosferatu", "Der letzte Mann", "Faust" und "Tartüff" liefert die optischen Beweise.</P><P>Bis 2. 11., Tel. 08841/ 47 62 01. Katalog: 18,50 Euro. Schlossfest: heute, 17.30 Uhr.<BR></P>

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