Polak gehört zu den Kabarettkritikern in Deutschland .

Oliver Podak im Volkstheater

„Political Correctness ist eine Farce“

München - Komiker Oliver Polak will mit Humor Grenzen überschreiten – so auch am Mittwoch und Donnerstag im Münchner Volkstheater.

Wer heute in Deutschland ins Kabarett geht, wähnt sich auf der richtigen Seite. Schließlich werden dort Politik und Gesellschaftskritik verhandelt, also Themen, die den Gebildeten vom fernsehsüchtigen Unterschichtler unterscheiden. Nach dem 25. Gag über Steuererhöhungen und der 500. Attacke gegen „die da oben“ allerdings sehnt sich so mancher klammheimlich die Definition aus Meyers Großem Konversations-Lexikon von 1907 herbei: Dort ist Kabarett ein „Kaffeebrett oder eine fächerweise abgeteilte Schüssel für Kompotte“. Klingt doch besser als die ewig gleiche Politikerschelte.

Oliver Polak gehört zu den prominenten Kabarettkritikern Deutschlands. Und das, obwohl – oder gerade weil – er selbst Komiker ist. In seinem neuen Buch „Der jüdische Patient“ (Kiepenheuer & Witsch, 236 S.; 9,99 Euro) schreibt er nicht nur überraschend offen über seine mittlerweile kurierte schwere Depression, sondern auch über seine Erlebnisse mit dem heimischen Kabarettpublikum und den dazugehörigen Veranstaltern. Heute stellt er das Buch im Münchner Volkstheater vor.

Ein Auftritt in Frankfurt vor ein paar Jahren steht dabei beispielhaft für eine ganze Ära in Polaks Leben. Drei Jahre lang ist er auf Tour, oft alleine, stets ein anderes Hotel, eine andere Bühne und die immer gleichen Gäste. Zuerst lachen sie noch, doch sobald Polak ans Eingemachte geht, Witze über „Hitler, Holocaust, Pädophilie und Rassismus“ reißt, herrscht eisiges Schweigen.

„Das deutsche Publikum geht gerne ins Kabarett, um seine Meinung noch mal bestätigt zu bekommen“, analysiert Polak heute. „Dem deutschen Komiker wiederum ist es wichtiger, gemocht zu werden als die Leute zu unterhalten. Political Correctness ist meiner Meinung nach in Deutschland eine Farce. Sie ist im Kabarett eher ein Argument dafür, sich mit einem Missstand nicht auseinanderzusetzen. Es geht um Gleichschaltung, Harmonie. Vorbilder sind für mich Komiker, die Grenzen überschreiten.“ Polak, Sohn eines Holocaust-Überlebenden und einer Jüdin aus Leningrad, findet seine Vorbilder unter anderem in der amerikanischen Stand-up-Comedy. Auch schätzt er Serdar Somuncu und Stermann & Grissemann.

Somuncu wurde wegen seiner satirischen Lesungen aus Hitlers „Mein Kampf“ in der Vergangenheit von Neonazis terrorisiert. Das deutsch-österreichische Duo Dirk Stermann und Christoph Grissemann hatte 2008 nach dem Tod des Rechtspopulisten Jörg Haider im Fernsehen Witze über die „Heiligenverehrung“ Haiders in dessen Heimat Kärnten gerissen – und erhielt daraufhin Morddrohungen. Polak imponiert das sehr. „Das meine ich mit grenzüberschreitendem Humor: dass man die Witze macht, die man machen will, dass man keine Angst davor hat.“

Auch Polak scheut sich nicht, Dinge offen auszusprechen. In seinem aktuellen Buch beschreibt er seinen Aufenthalt in einer Berliner Psychiatrie, seinen depressiven Hass auf die Welt, seine Verzweiflung. Das sind Themen, die viele Menschen nicht einmal ihren Freunden anvertrauen. Für besonders mutig hält sich der 38-Jährige deswegen nicht. „Wovor sollte ich Angst haben? Das ist wie bei meinen Stand-ups. Ich will echt und wahrhaftig sein. Und wenn ich ein Buch über meine Depressionen schreibe, da muss das auch echt sein.“

Eine Depression, in die ihn nicht nur der Tod seines besten Freundes hineingerissen hat. Polak ist überzeugt, dass sein psychischer Zusammenbruch auch durch seine vorangegangene lange Tournee bedingt war. Ein Publikum, das seine grenzüberschreitenden Witze oft nicht verstehen wollte. Die viele Einsamkeit. Das mag für manche Ohren wehleidig klingen. Welche Härten Polak allerdings erleben musste, illustriert eine Geschichte, die ausgerechnet in München spielt: Dort war der Komiker kurz nach dem Tod seines besten Freundes für einen Abend gebucht, bevor es weiter nach Österreich ging. Als er den Veranstaltungsort betrat und sich der Abendspielleitung, einer älteren Dame, vorstellte, entgegnete diese nur: „Eigentlich machen wir ja nichts mehr mit Juden.“ Polak sagte darauf nichts. „Ich war zu schwach, zu fragil, um darauf zu reagieren. Eigentlich hätte ich sagen müssen: ,Weißte was, f... dich!‘ Aber ich dachte mir, da sind Leute, die meine Show sehen wollen, und die wollte ich das nicht ausbaden lassen.“

Katrin Hildebrand

Oliver Polak

ist heute und morgen, jeweils ab 20 Uhr, mit „Der jüdische Patient“ im Münchner Volkstheater, Brienner Straße 50, zu Gast. Karten unter Telefon 089/ 523 46 55.

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