Im Politikerknast von Heiligendamm

Claus Peymann wird 70: - Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, ist ein Theatermacher, der das Spiel auf der Bühne und mit den Medien virtuos beherrscht. An diesem Donnerstag feiert er seinen 70. Geburtstag.

Was kann Theater heute noch leisten?

Das Berliner Ensemble versteht sich als ein politischer Platz. Die Grundbotschaft ist Solidarität mit den Schwachen, die Mächtigen werden demaskiert. Das Theater kann für die Dauer einer Vorstellung die Menschen von Grund auf verändern. Eine Wandlung wie in der Kirche. Für einen Moment der Atemlosigkeit großer Kunst verwandeln sich alle 700 Zuschauer in gute Menschen.

Dann kann das Theater zur Verbesserung der Welt beitragen?

Ich verkörpere einen vollständigen Anachronismus und bekenne mich als 68er, als einer, der an die Verbesserung der Welt glaubt - auch durch die Kunst und nicht mit der Knarre. Meine Vorstellungen gehen weit über die Attac-Proteste gegen den G-8-Gipfel hinaus.

 Sie unterstützen also die Gipfel-Proteste?

Ja, in jeder Hinsicht. Ich war da und habe mir diese wahnwitzige neue deutsche Mauer angeguckt. Ich glaube, dass dieser Politikerknast symbolhaft für den Zustand unserer Gesellschaft ist. Es werden noch ganz andere Mauern entstehen, um sich vor denen zu schützen, die ihren berechtigten Anteil am Reichtum der Welt verlangen. Die Boatpeople, die an den Luxusstränden der Riviera und der Kanarischen Inseln stranden, sind nur die Vorhut einer viel größeren Völkerwanderung. An den Protesten in Heiligendamm werde ich aber vermutlich nicht teilnehmen, es sei denn, Heiner Geißler nimmt mich an der Hand.

Kürzlich haben Sie mit Ihrem Praktikums-Angebot an Ex-Terrorist Christian Klar für Wirbel gesorgt...

Ich bin traurig, dass Bundespräsident Köhler unter dem Druck von Stoiber, Merkel und einer hysterischen Öffentlichkeit eingeknickt ist und nicht den Mut hatte, Christian Klar zu begnadigen. Ich kenne die Briefe, die er an Köhler schrieb. In denen ist von Schulderkenntnis und Reue unmittelbar die Rede. Ich muss erkennen, dass es die Souveränität des Souveräns, Gnade und Vergebung zu gewähren, wie Lessing es in seinem "Nathan" verlangt, nicht geben darf.

Wie kommt es, dass Sie für Klar so viel Verständnis aufbringen?

Holger Meins und Ulrike Meinhof habe ich kennengelernt. Meinhof bevor sie Terroristin wurde. Die war ein nettes Hamburger Mädchen. Eine von Hunderttausenden getragene Bewegung kämpfte damals gegen den autoritär gewordenen deutschen Staat. Ich stand wie viele vor der Frage, ob man sich von der Polizei verhauen lassen soll, nur weil man gegen den Vietnam-Krieg ist. Irgendwann muss man sich fragen, warum immer der verprügelt wird, der im Recht ist. Dann überlegt man, wie man sich wehrt - entweder, indem man protestiert oder indem man in die Politik geht und Außenminister wird. Oder eben Theaterdirektor. Einige haben entschieden, sich eine Knarre zu kaufen, und wurden zu Mördern wie viele Soldaten vor ihnen. Ich kann das in gewisser Weise nachvollziehen, obwohl ich es nicht richtig finde. Aber mit dieser Erfahrung war es für mich leichter, Klar einen Praktikumsplatz zu gewähren. Das hätte ich für einen Kindermörder oder Bankräuber nicht gemacht.

Bleibt das Angebot auch jetzt bestehen?

Wenn er will, könnte er hier auch nach seiner Entlassung 2009 arbeiten. Ich habe gehört, dass Christian Klar nach der Begegnung mit Köhler sicher war, begnadigt zu werden. Der öffentlichen Rachsucht wurde genüge getan. Er tut mir leid. Gebrochen ist er sowieso. Nur Wahnwitzige glauben, der könne noch Bomben bauen, wenn er rauskommt.

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