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Verleger Klaus Willberg von Thienemann lässt in Klassikern wie Otfried Preußlers „Kleiner Hexe“ Worte wie „Negerlein“ austauschen: Es gehe nicht um politische Korrektheit, sondern um Verständlichkeit.

Politisch korrekt oder übervorsichtig?

Verlag streicht "Negerlein" aus der "Kleinen Hexe"

„Negerlein“ im Klassiker „Die kleine Hexe“? Es gibt sie tatsächlich. Noch. Doch bald soll das Kinderbuch von Otfried Preußler überarbeitet werden. Ist das sinnvoll? Darüber diskutieren Verlage und Experten.

Was Otfried Preußlers „Kleine Hexe“ auf Seite 86 erlebt, klingt aus heutiger Sicht befremdlich: „Aber die beiden Negerlein waren nicht vom Zirkus, und ebensowenig die Türken und Indianer“, heißt es dort – und weiter: „Auch die kleinen Chinesinnen und der Menschenfresser, die Eskimofrauen, der Wüstenscheich und der Hottentottenhäuptling stammten nicht aus der Schaubude. Nein, es war Fastnacht im Dorf!“ Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) erregte kürzlich Aufsehen mit dem Bekenntnis, dass sie beim Vorlesen für ihre kleine Tochter heikle Kinderbuchpassagen wie diese entschärfen will. Muss klassische Jugendlektüre heute politisch korrekt sein? Die Antworten darauf fallen unterschiedlich aus.

„Uns geht es nicht um Political Correctness. Es geht darum, Begriffe auszutauschen, die Kinder heute nicht mehr verstehen“, sagt Verleger Klaus Willberg zur Ankündigung des Stuttgarter Thienemann-Verlags, die Klassiker zu überarbeiten. Auch „Schuhe wichsen“ etwa sei Kindern heute nicht mehr geläufig. Um das Werk von einer Generation zur nächsten zu transportieren, müsse es sprachlich angepasst werden. Und das gelte eben auch für Bezeichnungen wie „Neger“. „In dem Kapitel kommt es etwas heftig“, sagt er. Dabei würden die Begriffe für die Aufzählung gar nicht unbedingt gebraucht. Anlass für die sprachliche Politur ist die kolorierte Neuauflage von drei Preußler-Klassikern zum bevorstehenden 90. Geburtstag des Autors. Ein Vater hatte sich zuvor beklagt, dass seine dunkelhäutige Tochter einen so beleidigenden Begriff in einem ihrer Lieblingsbücher lesen müsse. Familie Preußler stimmte daraufhin den Änderungen zu. Er selbst habe eine farbige Adoptivtochter, sagt der Verleger. „Deshalb bin ich da schon etwas sensibel.“

Was er so nicht erwartet hat: Als die Änderung angekündigt wurde, brach ein Sturm der Entrüstung über den Verlag herein. In rund 200 E-Mails seien sie zum Teil wüst beschimpft worden, berichtet Willberg. Unter anderem wurde ihnen Zensur vorgeworfen. Zustimmungen habe es nur zwei gegeben. Die Diskussion ist nicht neu. Bereits 2009 hatte der Hamburger Oetinger-Verlag aus Pippi Langstrumpfs Vater einen „Südseekönig“ statt eines „Negerkönigs“ gemacht. In älteren Ausgaben hatte der Verlag zwar das alte Wort stehen lassen, aber mit einer Fußnote darauf hingewiesen, dass es heute so nicht mehr verwendet wird. Auch das Wort „Zigeuner“ sei 2009 gestrichen worden, nachdem die Erben Astrid Lindgrens den ausländischen Lizenznehmern Textänderungen gestattet hätten, sagt Verlagssprecherin Nicole Hartmann. In der schwedischen Ausgabe stehe noch der ursprüngliche Begriff. Andere Verlage feilen ebenfalls, etwa Esslinger. In „Lurchi“ wurde aus einem „Negerlein“ ein „Schornsteinfegerlein“, wie Sprecherin Anna Köhr auf Nachfrage berichtet. Es gebe jedoch auch Werke wie den „Struwwelpeter“, die als historische Nachdrucke für Erwachsene aufgelegt und bewusst nicht verändert wurden. „Wir werden aber über einen Kommentar bei der Neuauflage nachdenken.“ Der Verlag cbj in München hat die „Fünf Freunde“ von Enid Blyton unter den Fittichen. Für Änderungen und neue Bände gebe es strenge Regeln, erläutert Pressesprecherin Renate Grubert. Aus den frühen Werken, die noch von Blyton selbst verfasst wurden, habe man vor allem die „Schwarze Pädagogik“ verbannt. „Ohrfeigen und Prügel sollten Kindern heute fremd sein. Sie sollen wissen, dass sie sich dagegen unbedingt wehren dürfen“, sagt sie.

„Es ist eine Gratwanderung“, sagt Stephanie Jentgens, Vorsitzende des Arbeitskreises für Jugendliteratur, der den Deutschen Jugendliteraturpreis verleiht. Wenn die Geschichte dadurch nicht verändert werde, könne man umstrittene Begriffe natürlich streichen. Aber für sie sei es wichtig, die Werke in ihrem historischen Kontext zu betrachten. „Ein Wort wie Schuhwichse zeigt einfach, dass die Geschichte in einer anderen Zeit spielt.“ Bücher wie „Die kleine Hexe“ und „Pippi Langstrumpf“ seien insgesamt eher emanzipatorisch und nicht rassistisch, betont die 48-jährige Fachfrau. Ihr komme es übertrieben vor, wenn da an einzelnen Wörtern gefeilt werde. „Wörter, über die Kinder stolpern, sind ein guter Anlass, um darüber zu sprechen.“ Schließlich würden gerade die Klassiker meist vorgelesen. Fußnoten könnten eine Hilfe für Eltern sein, man müsse nicht gleich den Text ändern.

Wenke Böhm

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