Nils Nyman, ein Enkel Astrid Lindgrens, hat die Tagebücher seiner Mutter herausgegeben.

Gespräch mit Astrid Lindgrens Enkel

Die politische Pippi-Mutter

München - Astrid Lindgren ist den meisten als Mutter von Pippi Langstrumpf bekannt. Sie war aber auch politisch interessiert. Ein Gespräch mit Nils Nyman, ihrem Enkel, der ihre Kriegstagebücher herausgegeben hat.

Am 29. April 1945 geht ein Gerücht durch Schweden. „Die Deutschen kapitulieren“, vermerkt eine Frau in ihrem Tagebuch, es stehe „mit Riesenlettern“ in der Zeitung. Noch am selben Abend beginnt sie einen neuen Eintrag: „Alles Lüge! Mit der Kapitulation.“ Denn noch haben die Nazis nicht aufgegeben. Die Frau hat seit Kriegsbeginn im September 1939 ihre Gedanken in Kladden geschrieben, sie  hat ihre beiden Kinder versorgt,  die Nachrichten verfolgt und in der Briefzensur des schwedischen Geheimdienstes gearbeitet. Und nebenbei verfasste sie ein Buch namens „Pippi Langstrumpf“. Ihr Name: Astrid Lindgren.

Sie selbst dachte bis zu ihrem Tod 2002 nicht daran, ihre Einträge zu publizieren. „Ich glaube, es kam ihr nie in den Sinn“, sagt ihr Enkel Nils Nyman. Er sitzt in einem Büro der Firma Saltkråkan AB, die sich um die Rechte der Lindgren-Erben kümmert. Die Familie hat sich dafür entschieden, die Tagebücher zu veröffentlichen, Enkel Nils hofft, dass seine Großmutter damit einverstanden gewesen wäre. „Beim Lesen bekommt man das Gefühl, dass sie Tagebuch geführt hat, damit es jemand liest“, sagt er, „nicht nur für sich selbst“.

Tatsächlich tragen die Einträge erheblich dazu bei, zu verstehen, wer Astrid Lindgren war – abgesehen von der genialen Erfinderin von Pippi, Michel und Karlsson vom Dach. „Das Tagebuch zeigt ihr politisches Interesse und Wissen – das war zu dieser Zeit wohl recht ungewöhnlich“, sagt Nyman. Auch deshalb hat das Erscheinen der Tagebücher in Schweden eine Debatte ausgelöst. „Hier hieß es nach dem Krieg oft: ,Wir haben das nicht gewusst‘.“ Als hätte man in diesem friedlichen, neutralen Land, das vom Krieg verschont geblieben war, nichts von all den Gräueln mitbekommen. Dass das nicht stimmen kann, zeigt unter anderem ein Zeitungsausschnitt, den die gewissenhafte Chronistin Lindgren im Dezember 1943 in ihr Buch klebte. „Wir wollen hier nicht schildern, wie das systematische Abschlachten jüdischer Männer, Frauen und Kinder vor sich gegangen ist und noch geht“, steht da. „Der Verlauf“ sei bekannt.

Astrid Lindgren jedenfalls nahm die Schrecken des Krieges sehr bewusst wahr. In vielen Einträgen scheint sie ein schlechtes Gewissen zu plagen, penibel notiert sie die Geburtstagsgeschenke der Kinder und die Mahlzeiten zu Festtagen. Gleichzeitig beklagt sie das Leiden der Völker um sie herum und versichert, sie sei voller Dankbarkeit, „in einem so friedlichen Winkel der Welt“ zu leben. Sie weiß aber auch, dass dieser fragile Frieden mit Zugeständnissen an die Nazis erkauft wurde. Fast trotzig notiert sie am Tag der vermeintlichen Kapitulation: „Schweden wurde außerhalb des Krieges gebraucht. Wenn man zurückschaut, haben wir durchaus so einiges erreicht, natürlich nichts, weswegen wir gerade vor Stolz platzen könnten, aber worüber man sich doch freuen kann.“ Einer müsse ja neutral bleiben, sonst würde es ja nie einen Frieden geben – „aus Mangel an Friedensvermittlern“.

„Es wird sehr interessant sein, die Reaktionen der deutschen Leser zu sehen“, sagt Nils Nyman. „Natürlich wird Deutschland hart kritisiert.“ Bemerkenswert, dass das zwar naturgemäß stimmt, Lindgren allerdings über weite Strecken hinweg Stalins Russland als größeres Übel empfand. Im Juni 1940 schreibt sie, sie sage lieber den Rest ihres Lebens „Heil Hitler“, als „die Russen“ im Land zu haben. Und als die Deutschen 1941 die russische Grenze überschreiten, notiert Lindgren verblüfft: „Das Seltsame ist ja, dass man nun zu Deutschland halten muss. Es wird sicher anstrengend, mit Deutschland gegen Russland und mit England gegen Deutschland zu halten. Es ist ein einziger Schlamassel.“ Nyman lächelt. „Schwedens Geschichte ist geprägt von der Angst vor Russland“, erklärt er. Obwohl seine Großmutter die Nazis verabscheute, habe sie das Stalin-Regime als kaum besser empfunden. In Russland werden die Tagebücher übrigens nicht erscheinen – kein Verleger wollte sie haben.

Die Einträge gewähren tiefe Einblicke in den schwedischen Alltag während des Zweiten Weltkrieges. Doch nicht nur deshalb sind sie von historischer Bedeutung. Astrid Lindgren ist für ihre Kinderbücher berühmt und dafür, dass sie auch als alte Frau noch auf Bäume kletterte. Weitgehend unbekannt war bislang die ernste Astrid, die um ihre Familie fürchtet, um ihre Ehe und um ihr Land. Die Butter hortet, schuldbewusst Torten backt und stets an die jüngsten Opfer des Krieges denkt, „all die armen Kinder, die nichts davon merken, dass Weihnachten ist“. In ihren Tagebüchern kommt diese Frau zum Vorschein.

Johanna Popp

Astrid Lindgren:

„Die Menschheit hat den Verstand verloren“. Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch. Ullstein Buchverlage, Berlin, 576 Seiten; 24 Euro.

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