Politische Wunde, menschliches Leid

- ",Der 39jährige für die Politische Polizei tätige Zivilbeamte Karl-Heinz Kurras hatte mit einem Schuß aus der Dienstwaffe, einer Walther Kal. 7,65, Ohnesorg aus etwa eineinhalb Metern Entfernung über dem rechten Ohr in den Hinterkopf geschossen und die Schädeldecke zerschmettert", zitiert Uwe Timm "Die Jahre der Kommune I" von Ulrich Enzensberger.

",Blutunterlaufungen Oberarm links 16 x 7 cm, Mitte linker Oberarm 5 x 3 cm, linker Oberschenkel 4 cm, linke Gesäßbacke starke Blutunterlaufungen am Darmbeinsporn, Unterarm rechts 9 cm’", nimmt Timm die Akten beim Wort und fährt fort: "Auch am Kopf, an den Fingern - elf Blutunterlaufungen verzeichnet der Obduktionsbericht."

Am 2. Juni 1967 wurde Benno Ohnesorg, ein Freund Uwe Timms, am Rande der Anti-Schah-Demonstration in Berlin getötet. Der Polizist wurde freigesprochen. In "Der Freund und der Fremde" rollt der Münchner Schriftsteller (Jahrgang 1940) aber nicht einfach diesen Fall staatlichen Versagens und menschlichen Leids nochmal dokumentarisch auf (kurz nach dem Tod scheiterten die Versuche), er nutzt ihn vielmehr zu einem tiefen, intensiven Nachdenken. Es mündete in ein herausragendes Buch: vielschichtig analysierend, aber ohne einen Hauch von Besserwisserei; unterhaltsam, weil Menschliches und Geschichtliches, Philosophisches und Erotisches mit künstlerischer Wahrhaftigkeit erzählt wird. Timm setzt keine Gewissheiten vor, er lässt jeden teilhaben an seinen (Gewissens-)Erforschungen. Die Strategie schiebt auch den Leser an, selbst weiter zu suchen.

"Glaube muß sich schenken, sagte er, wie der  Zweifel auch. Glaube ist nicht Besitz, sondern ist in der unüberwindlichen Ferne zu Gott die Paradoxie." Uwe Timm über Benno Ohnesorg

Der Autor knüpft mit diesem Buch an die lebensgeschichtliche Historiografie seines Werks "Am Beispiel meines Bruders" (der bei der SS war und im Krieg fiel) an. Timm hat jedoch nie den neuerdings modischen Betroffenheits-Blickwinkel namens "Ich bin der Nabel der Welt". Er hat Welt. Deswegen weiten sich die Episoden um den Freund, den er zu Beginn der 60er-Jahre im Braunschweig-Kolleg kennen lernte, stets zu exemplarischer Größe. In jener Institution machten beide ihr Abitur nach, begehrten als Erwachsene heiß Wissen und Kunst - ganz anders als Schul-genervte Kinder. Mit dem sensiblen, stillen, eigentlich apolitischen Freund Benno verband Uwe Timm vor allem die Sehnsucht nach dem Schreiben.

Nach und nach entwickelt der Dichter aus seinem Bericht über die damalige Zeit, über seine Faszination von Camus' "Der Fremde" mit seiner Kälte, dem Unbeteiligtsein, der "indiffé´rence", über literarische Gehversuche der Freunde die Wandlung eben dieser Zeit - und seines Ichs. Am Tod von Benno Ohnesorg und am Fehlverhalten der Staatsorgane zerbrach die "indiffé´rence" - aber auch an der Liebe zu einer Frau, die Timm in München traf. Aus Camus' starrer Haut aus Absurdität und Sinnlosigkeit schälte sich politische Haltung. Für Timm, Ohnesorg, für die gesamte 68er-Bewegung, die es ohne den ungesühnten Totschlag an Ohnesorg wohl nicht gegeben hätte. So politologisch gescheit wie menschlich weise ist dann die Analyse des "Revolutions"-Verlaufs: Er ging hin zur "rigiden Organisation in Zirkeln". Timm hält deren "Generallinie" den Marx-Satz entgegen: "Die Theorie wird in einem Volke immer nur so weit verwirklicht, als sie die Verwirklichung seiner Bedürfnisse ist."

Nachdem es für den Schriftsteller, der seinem Freund ein wunderschönes Denkmal geschrieben hat, "indiffé´rence" schon lange nicht mehr gab, suchte er nicht nur nach der politischen Wunde; insbesondere suchte er nach den Menschen. Da ist das Entsetzen der Frau, die neben dem Sterbenden kniete, da ist der Sohn, der seinen Vater nie erlebt hat, aber leben muss mit einer "Ikone". Da ist der Schmerz des Freundes Uwe Timm, der jetzt den unnennbaren Verlust befragt: Es fehlt der Mensch Benno Ohnesorg - und das, was er hätte schreiben können.

Uwe Timm: "Der Freund und der Fremde". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 173 Seiten; 16,90 Euro.

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