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Die Schauspieler Maria Simon als Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski und Lucas Gregorowicz als Kriminalhauptkommissar Adam Raczek.

Krimi-Kritik

Polizeiruf 110: Zu viel Klischee, zu wenig Überraschung

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Berlin - Ein deutsch-polnisches "Polizeiruf 110"-Team könnte die Gelegenheit sein, mit Vorurteilen über die europäischen Nachbarn aufzuräumen. Doch der RBB vergeigt das im zweiten Fall des neuen Ermittlerduos schon mit der Wahl des Milieus.

Wer spaßeshalber mal die zwei Stichwörter „Polenwitze“ und „Autoklau“ in der Internetsuchmaschine seiner Wahl eingibt, findet – wen wundert’s! – eine ganze Reihe von ziemlich miesen („Woran merkt man, dass die Polen auch schon im Weltall waren? Am Großen Wagen fehlen die Räder“) bis erträglichen Schenkelklopfern („Was hast du eigentlich gegen Polen? Eine gute Autoversicherung!“). Ein deutsch-polnisches „Polizeiruf 110“-Team könnte Gelegenheit sein, mit Vorurteilen über die europäischen Nachbarn aufzuräumen. Der für die Produktion verantwortliche Rundfunk Berlin Brandenburg vergeigt das im zweiten Fall des neuen Ermittlerduos schon mit der Wahl des Milieus. „Der Preis der Freiheit“ erzählt von – willkommen in Polen – organisiertem Autodiebstahl.

Und beginnt so düster, wie er weitergeht. Nächtliche Straßen, kühle Szenerie, Nebelschwaden. Regisseur Stephan Rick setzt auf den Schaudereffekt von erstklassigen, von Dunkelheit durchzogenen Bildern (Kamera: Stefan Unterberger), doch verpasst dabei, auch seinen Schauspielern die Möglichkeit zu geben, ihre Erstklassigkeit zu beweisen.

Verworrener Plot, dünne Figurenzeichung

Zu verworren der Plot, zu dünn die Figurenzeichnung. Maria Simon als zwischen Kindererziehung und neuem Fall hin- und hergerissene Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski, daneben Lucas Gregorowicz als ihr Motorrad-fahrender Chauvi-Kollege Adam Raczek. Auf ihre Frage, wie er das macht mit Familie und Job, kontert knapp: „Ich bin Pole, das macht meine Frau.“ Hier die Deutsche, die meint, emanzipiert zu sein. Was in Wahrheit ja nur so viel heißt wie neben den der Frau zugeschriebenen Aufgaben jetzt auch noch einem Broterwerb nachzugehen. Da der Pole, der noch schön – Vorsicht, wieder ein Klischee – den katholischen Wertvorstellungen entspricht. Frau daheim, Mann im Beruf. Da ist die Welt noch in Ordnung. Erfrischend, dass die beiden über seine lakonische Antwort lachen. Von diesem Augenzwinkern dürfte es künftig mehr sein. Weil in jedem Vorurteil zwar etwas Wahres steckt – Klischees zu bedienen auf Dauer aber langweilt. Mehr Mut zu Brüchen!

Lesen Sie in unserem Vorbericht zum Polizeiruf 110, warum "Der Preis der Freiheit" Ihre Zeit verschwendet hat.

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