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Thomas Loibl als Elvira trägt den Abend.

„In einem Jahr mit 13 Monden“ am Münchner Residenztheater

Fassbinders Totentanz 

München - Der polnische Regisseur Aureliusz Śmigiel inszenierte fürs Münchner Residenztheater „In einem Jahr mit 13 Monden“ nach dem Film von Rainer Werner Fassbinder. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik.

Die Bühne im Münchner Marstall ist leergefegt, im Boden kann man sich spiegeln. Drei Matratzen, zwei Plastiktüten mit irgendwelchem Zeug, ein paar Klamotten. Viel mehr ist da nicht. Rechts hinten hat Bühnenbildner Martin Eidenberger zwei Traversen mit Schweinwerfern zu einem Kreuz zusammengeschraubt. Aber auch das ist kein Symbol der Hoffnung – wenn überhaupt, fällt das Licht kalt auf die Szenerie. Gewissenhaft, doch mit großer Sympathie leuchtet Aureliusz Śmigiel die letzten fünf Tage im Leben der Transsexuellen Elvira Weishaupt aus. In 75 konzentrierten Minuten erzählt der polnische Regisseur ihre traurige Passionsgeschichte; es ist die Geschichte eines Menschen, der an der Gleichgültigkeit seiner Mitmenschen jämmerlich zerbricht. Am Samstag war die heftig beklatschte Premiere von „In einem Jahr mit 13 Monden“.

„In einem Jahr mit 13 Monden“ ist Fassbinders persönlichster Film

Der Abend basiert auf dem gleichnamigen Film Rainer Werner Fassbinders aus dem Jahr 1978. Es ist die persönlichste Arbeit des Regisseurs (1945-1982), der hier gegen sein schlechtes Gewissen an-inszenierte. Nachdem er seinen Lebensgefährten Armin Meier abserviert hatte, brachte dieser sich um – am 31. Mai 1978, Fassbinders 33. Geburtstag. Dieser Suizid riss den Filmemacher in einen Abgrund aus (Selbst-)Vorwürfen und Trauer. Doch „In einem Jahr mit 13 Monden“ ist nicht nur jene Produktion, mit der sich Fassbinder selbstquälerisch daraus errettete, sondern zugleich ein filmästhetisches Ausrufezeichen.

Zwar hatte der Regisseur damals bereits mit konventionell erzählten Werken die Tür zum großen Publikum aufgestoßen. Diese Arbeit mit ihren herausfordernden Wechseln aus monoton vorgetragenen Monologen, brutalen Bildern und eintönigen Einstellungen zeigte, dass Fassbinder dennoch weiter auf der Suche nach radikalen Inszenierungen war, um die Möglichkeiten des Mediums auszuloten.

„Ich habe mein Leben kaputtgemacht“

Aureliusz Śmigiel ist klug genug, diesem Ansatz in seiner Arbeit fürs Residenztheater nicht nachzueifern. Stattdessen destillieren er und seine sechs Schauspieler aus Fassbinders Drehbuch die allgemeingültige Erzählung eines Menschen, der zugrunde geht, weil keine gemeinsame Sprache mit seiner Umwelt existiert. „Ich habe mein Leben kaputtgemacht“, sagt Elvira an einer Stelle. „Das macht keiner selbst. Das macht die Ordnung, die die Menschen für sich geschaffen haben“, antwortet Schwester Gudrun, in deren Kloster Elvira, als sie noch der kleine Erwin war, Obhut fand.

Thomas Loibls Spiel ist nie Travestie

Getragen wird dieser große Totentanz, der nur gegen Ende hin etwas an Spannung verliert, vor allem von Thomas Loibl als Elvira. Nie rutscht sein Spiel mit der Geschlechterrolle in alberne Travestie ab, stets begegnet er seiner Figur mit allergrößtem Respekt. Loibl meistert die Herausforderung, einen Menschen, der sich selbst als „lächerlich“ bezeichnet, eben nicht lächerlich zu zeigen. Im Nebel, der immer wieder die Sicht auf der Bühne erschwert, sucht Erwin/ Elvira nach einem Freund – und bleibt blind für die Tatsache, dass es seiner/ ihrer Tochter (Mathilde Bundschuh beeindruckt in dieser Rolle ebenso wie als Prostituierte Zora) herzlich egal ist, ob ihr Vater Erwin oder Elvira heißt.

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