Polnische Verhältnisse

- Nichts ahnend schlendern Spaziergänger die Thierschstraße entlang, wundern sich vielleicht am Isartorplatz ein wenig über das rötliche Licht in einer aufgelassenen Filiale der Stadtsparkasse, wundern sich etwas mehr über halbnackte Männer und blutende Frauen - und werden unversehens Statisten dieser grellen Szenerie. Grzegorz Jarzyna, der 2003 bei Spielart eine kühle Adaption des Vinterbergfilms "Das Fest" zeigte, gastierte diesmal mit der Episode "Risiko" aus George F. Walkers "Suburban Motel" (in Jochen Schölchs Inszenierung am Residenztheater zu sehen) an ungewöhnlichem Ort.

In Polen führt seine Truppe TR Warszawa das Stück in einem Supermarkt auf, in den Räumen des Münchner Geldinstituts entwickelt es besonderen Reiz: weil Geldautomat, Tresorraum-Kamera, die abgewetzte Schalterhalle ein kongenialer Hintergrund sind für den schrillen Thriller um Geldgier, Prostitution, Selbstjustiz . . .

Theatralisches Muskelspiel

Sehr gut hat Jarzyna das kanadische Stück auf polnische Verhältnisse übertragen und für die Münchner Aufführung mit deutschen Versatzstücken angereichert. Lila statt Carol heißt hier die Nutte, die einen Typ namens Dampfer um viel Geld erleichtert hat und sich jetzt ihrer Kinder bedient, um sich aus der Affäre zu ziehen. Indessen sie mit Pornoregisseur Micky wild im Schmuddelbett herumhopst. Die fünf Darsteller spielen das unter lauten Musikattacken und Geschrei, mit grässlichen Grimassen vor allem der Protagonistin und sind um kein theatralisches Muskelspiel verlegen. Kein Wunder, dass mitten auf der Straße ein Autofahrer hält, um dem Gefuchtel zuzusehen, während ein anderer durch die Scheibe starrt und sich - oh Schreck - als Killer im Stück entpuppt (Wiederholung heute, 20 Uhr, Tel. 089/ 54 81 81 81).

Therapie von so viel Krawall verspricht, leider nur an einem einzigen Abend, "Schwester Cordula" mit einer kräftigen Heile-Welt-Injektion ins gebeutelte Zuschauerhirn: Die Wahlberlinerin Saskia Kästner liest aus Arztromanen vor, was noch keine große Kunst ist, aber eine sichere, lustige Nummer. Erst gegen Ende schlüpft sie stärker in die wahlweise engelgleichen oder biestigen Dr. Dalbergs und Judith von Roggenkamps hinein, was weit komischer ist als ihr anfänglich gespielter Tadel des Trivialen.

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