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Beschwörende Predigerin und große Schwester: Patti Smith auf dem Dachauer Rathausplatz.

Konzertkritik

Pop-Ikone Patti Smith in Dachau

Dachau - Beschwörende Predigerin und große Schwester: Patti Smith hat ein Konzert auf dem Dachauer Rathausplatz gegeben. Hier lesen Sie die Kritik.

Auf den Stufen des Dachauer Rathauses hat ein gläubiger Graffiti-Sprüher einen Reim hinterlassen. „Jünger von Jesus Christus werden ist der einzige Weg ins Paradies auf Erden“, steht da. Diesen Satz kann man auf verschiedene Arten lesen, und in einem Fall liegt der Autor sicher falsch. Sollte es um ein „Paradies auf Erden“ gehen, gäbe es da schon noch andere Wege zum Ziel: Man könnte zum Beispiel Patti Smith zuhören und zuschauen, wie sie zwanzig Meter vom Graffito entfernt ihre Seele entblößt und auf dem ausverkauften Rathausplatz ein Konzert gibt, das die 2000 Besucher nicht so schnell vergessen werden.

Smith ist eine der wichtigsten Künstlerinnen, die die Popmusik hervorgebracht hat, sie vermählte Dichtkunst und Punk und ist dafür ausgiebig geehrt worden. Eine Ikone. Aber wie sie jetzt in der Abendsonne steht, die Strickmütze über die fransigen Haare und tief ins schmale Gesicht gezogen, mit knautschigem Jackett und schiefem Grinsen, und verlegen „Hi!“ ruft, sieht die 65-Jährige aus wie ein schüchternes Mädchen. Ihre Band klingt knackig, sie hat mit zwei bejubelten Klassikern begonnen („Dancing Barefoot“ und „Redondo Beach“), aber jetzt steht sie einen Moment lang da und weiß nicht so recht. Es ist der Ort, das Dachauer Kleinstadtidyll. Smith ist das Paradebeispiel der urbanen Künstlerin. New Yorker Rock-Adel. Und nun steht sie unter dem Zwiebelturm von St. Jakob und schaut verwundert die Konrad-Adenauer-Straße hinunter zum Gasthof Zieglerbräu.

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Sie entscheidet, dass ihr das egal ist. Das schüchterne Mädchen ist verschwunden, von nun an nimmt die Show Fahrt auf. Smith verzaubert als wilde Romantikerin, beschwörende Predigerin, große Schwester, singt mit ihrer jung gebliebenen Stimme mal zärtlich, mal rotzig, mal über Amy Winehouse, mal über den Hund von Pontius Pilatus, die Arme liebevoll ausgebreitet oder mit vorschnellenden Fäusten. Vor ihrem Hit „Because The Night“, den sie mit Bruce Springsteen schrieb, schnäuzt sie sich ausgiebig, dann vergisst sie wieder den Text und improvisiert mit nonchalanter Größe. Der definitive Höhepunkt: „Beneath The Southern Cross“, das sich von einer elegischen Ballade zum E-Gitarren-Furor steigert, ein Exorzismus, den Neil Young und Crazy Horse nicht besser hinbekommen würden. Natürlich waren sie, Gitarrist Lenny Kaye und die anderen auch in der KZ-Gedenkstätte, und natürlich wollen die Dachauer das nicht hören. Aber wie wahrhaftig Smith von dem „verwandelten, verwandelnden Ort“ erzählt, an dem man den Horror der Vergangenheit genauso spürt wie die Schönheit der Natur. „Zwei Karmeliten-Nonnen grüßten uns“, berichtet sie. „Ich kenne ihre Namen nicht, aber ich schicke den Schwestern meine guten Gedanken.“

Besteht da nicht sogar eine Verwandtschaft? Patti Smith, die in „Gloria (in excelsis deo)“ raunzt „Jesus died for somebody’s sins, but not mine“ – sie hat einen Draht zur Dreifaltigkeit. Die Gabe, in Zungen zu sprechen, ihr Herz zu offenbaren, jeden Ort mit ihrer Präsenz zu ihrem zu machen. Nach dem letzten Song „Rock’n’Roll Nigger“ reißt sie alle Saiten von ihrer Gitarre und ruft: „Seid gut! Seid frei!“ Fast möchte man Amen rufen.

Von Johannes Löhr

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