Pop-Maschine auf Hochtouren - Martin Scorseses Konzertfilm über die Rolling Stones

München - Die Atmosphäre ist hektisch. In den ersten zehn Minuten von "Shine a Light" sieht man die Vorbereitungen zu dem Konzert, das die Rolling Stones Ende 2006 in New York gegeben haben, in Absprache mit Regisseur Martin Scorsese, der alles mit 17 Kameras aufgezeichnet hat - für seinen Konzertfilm.

Der Film denkt hier sozusagen über sich selber nach, indem er seine Entstehungsbedingungen zum Thema macht: die Band als kapriziöse Diva.

Dies ist erst einmal eine klare Distanzierung des Regisseurs. Er zeigt, wie die Stones mit ihm umsprangen, und der Zuschauer erinnert sich daran, dass sie ja im Zweifelsfall mehr zu sagen haben als ihr Regisseur. Scorsese hatte immerhin die Unabhängigkeit, ein Riesenkonzert vor anderthalb Millionen Besuchern an der Copacabana abzulehnen ("zu groß, zu laut") und wählte das New Yorker Beacon Theatre, eine relativ kleine Bühne.

Zugleich zeigt dieser Auftritt vor dem Auftritt auch, wer da in New York im Publikum saß: Expräsident Bill Clinton mit Frau Senatorin, unvermeidlicher Tochter und einigen Dutzend weiterer Gäste aus den oberen Zehntausend von New York City. Es war ein Wohltätigkeitskonzert zu Clintons 60. Geburtstag, das können sich an diesem Ort nur sehr, sehr reiche Leute leisten.

Aber alle Distanz und Reflexion weichen, als die Band endlich mit dem loslegt, wofür man sie kennt und was sie wirklich kann: Musik. Von Anfang an läuft die Pop-Maschine "Rolling Stones" auf Hochtouren. Erst ist das etwas glatt, wird aber immer besser und echter. Der Star ist und bleibt Mick Jagger. Zwei Stunden lang liefert er eine großartige Show. Weil Scorseses Kameras den Musikern auf den verschwitzten Leib rücken, wird auch erkennbar, was für eine körperliche Schwerstarbeit hier geleistet wird.

Ein Film mit Spaß, Rhythmus und Intelligenz also, der sich gegen große Konkurrenz zu bewähren hat: "Gimme Shelter" von den Brüdern Maysles sowie "One Plus One" von Jean-Luc Godard. Scorseses Film ist gegen deren visuelle und politische Kraft ein ruhiges Alterswerk. Gefilmt in grobkörnigem Schwarz-Weiß, mit schnellen Schnitten - die aber ein reiner Formeinfall bleiben und keinen inhaltlichen Zusammenhang bilden. Ebenso wenig wie die eher irritierenden Auftritte der "Gaststars" Buddy Guy, Jack White III und Christina Aguilera.

Den eigenen Konzertfilm "Last Waltz" hat Scorsese daher nicht erreicht. Aber eine Musikdokumentation voller Leidenschaft und Sympathie ist ihm gelungen. Der Film eines Fans für Fans. (In München: Gloria, Leopold, Forum, Cinema OV).

"Shine a Light"

Regie: Martin Scorsese

Sehenswert

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