Pop, Oper und Geschrei

- Nicht Beethovens Neunte steht heuer bei den Münchner Philharmonikern auf dem Programm des Silvesterkonzertes, sondern Barockes. Star des Abends (19 Uhr, Gasteig) ist Andreas Scholl, Deutschlands derzeit berühmtester Countertenor, den sich Dirigent Frans Brüggen als Partner für die Händel-Arien wünschte.

<P>Sie haben früh in Ihrem Heimatort Kiedrich mit dem Singen begonnen.<BR>Scholl: Ja, Kiedrich ist ein 3000-Seelen-Dorf zwischen Wiesbaden und Rüdesheim. An der St. Valentinuskirche wird seit über 600 Jahren die Chorherren-Tradition gepflegt. Ich begann als Knabensopran, täglich eine Stunde Singen, jeden Sonntag ein lateinisches Hochamt. So lernte ich singen völlig intuitiv und spontan.</P><P>Und was geschah im Stimmbruch? <BR>Scholl: Da habe ich ein halbes Jahr herumgejodelt und konnte hernach im Sopran weitersingen; mit 17 wechselte ich in den Alt. Stimmbildnerin und Chorleiter erkannten dieses besondere Talent und empfahlen eine Ausbildung.</P><P>Die Sie dann in der Schweiz, an der Schola Cantorum Baseliensis absolvierten.<BR>Scholl: Von der Bundeswehr aus ging ich direkt dorthin und machte zunächst einen Einstiegskurs, weil ich keinerlei Ahnung von Musiktheorie hatte.</P><P>Wie reagiert denn die Umgebung darauf, wenn man als junger Mann so hoch singt? <BR>Scholl: Im Umfeld der Chorknaben war das kein Problem und in Basel auch nicht.</P><P>Und bei der Bundeswehr?<BR>Scholl: Auch nicht. Da bekam ich sogar im Schützengraben mal den Befehl zu singen. Keiner lachte. Überhaupt habe ich die Erfahrung gemacht, dass vor allem die durchschnittlichen Klassikhörer Vorurteile gegenüber einem Countertenor haben. Weit mehr als junge Leute, die Popmusik hören.</P><P>Was haben Sie für ein Verhältnis dazu? <BR>Scholl: Ich habe in Basel ein eigenes Tonstudio, in dem ich Popmusik produziere. Es macht mir Spaß, und es ist ein Teil meiner musikalischen Persönlichkeit. Manchmal improvisiere ich auch mit meiner fünfjährigen Tochter. Die Unterteilung in E und U hat der Musik keinen guten Dienst erwiesen.</P><P>Wann fanden Sie zur Oper?<BR>Scholl: 1998 debütierte ich in Händels "Rodelinda" beim Glyndebourne Festival. Seit ich auf der Bühne stand, singe ich auch im Konzert die Opernarien anders. Ich würde gern mehr Oper machen, aber leider wurden die Projekte in Aix auf Eis gelegt. 2005 singe ich in Kopenhagen und 2006 an der New Yorker Met wieder in "Rodelinda". </P><P>Das Repertoire für einen Countertenor ist zwar groß, aber stilistisch doch begrenzt. <BR>Scholl: Renaissance und Barock. Doch es gibt auch in der Neuen Musik Möglichkeiten.</P><P>Nutzen Sie die? <BR>Scholl: Zeitgenössisches verlangt oft ein extremes Geschrei. Verstehen können normale Zuhörer das nicht. Ich suche nach zeitgenössischer Musik, die näher am Menschen ist, Emotionen auslöst, deshalb arbeite ich gern mit dem Komponisten und Arrangeur Frank Zabel zusammen. </P><P>Gibt es im Klassikbereich etwas, das Sie gerne einmal singen würden?<BR>Scholl: Schubert-Lieder. Ich unterrichte an der Basler Akademie eine Sopranistin und einen Bariton, der sich gerade intensiv mit Schubert beschäftigt. Das macht mir eine riesige Freude. Ich möchte es auch versuchen, werde mich aber vorher bei meinem Bariton-Kollegen Kurt Widmer coachen lassen.</P><P>Wie lange singt ein Counter, verschleißt er früher?<BR>Scholl: Ich glaube, ein Counter ist so ausdauernd wie andere Stimmen auch, wenn sie gut behandelt werden. Dann kann man sicher mit 60 noch singen. Abgesehen von etlichen halbguten jungen Countertenören, die zu früh aus dem Studium in den Konzertbetrieb drängten, wachsen drei, vier sehr gute nach. Aber noch sind David Daniels und ich ihnen um eine Nasenlänge voraus.</P><P>Das Gespräch führte Gabriele Luster<BR></P>

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