Mann der leisen Töne: Clueso hat sein neues Album fast komplett auf seiner Akustikgitarre komponiert. foto: Christoph Köstlin

Der Popstar aus Erfurt

München - Lange war er einer der meistunterschätzten deutschen Popmusiker. Jetzt hat Clueso sein neues Album „An und für sich“ vorgelegt: Es ist introvertiert, tiefgängig, gewöhnungsbedürftig. Großartig.

von Mike Schier

Vor zwölf Jahren hat Thomas Hübner, 30, mal etwas gemacht, was junge Menschen in seinem Alter so tun. Mit 18 Jahren ist er in eine richtige Stadt gezogen. Eine Medienstadt mit großer Musikszene. Drei Jahre hat er es in Köln ausgehalten, einen Karneval durchlebt. Dann ist er zurückgegangen, dorthin, wo er hingehört. Nach Erfurt. Für die meisten Musikerkarrieren hätte dies das Ende bedeutet.

Es gibt viele Geschichten zu erzählen über Thomas Hübner, den kein Mensch Thomas nennt. Selbst seine Mutter sagt inzwischen „Clueso“ zu ihm. Und alle diese Geschichten zeugen von einem ungewöhnlichen jungen Mann, der eine noch ungewöhnlichere Karriere hingelegt hat.

Zehn Minuten hat er nur fürs Interview. Die PR-Maschinerie brummt. „Es ist schon deutlich mehr als früher“, sagt er entschuldigend. Früher, da ist Clueso - benannt nach dem Inspektor Clouseau aus „Der rosarote Panther“ - den Journalisten hinterhergelaufen. Er war der singende Rapper, der hyperaktive Jugendliche, der nichts anderes hatte als seine Musik. Von der Schule war er geflogen, die Friseurlehre hatte er abgebrochen. Nur der Boom des deutschen Hip-Hops Ende der Neunziger nährte seine Hoffnung, einmal von Musik leben zu können. Dass er trotz seiner Biografie kein „echter“ Rapper war, störte ihn nicht beim Träumen. Er wollte eh lieber singen, obwohl er nie Unterricht bekommen hatte. Und er wollte Gitarre spielen, obwohl er keine Noten lesen kann.

Vier Studioalben hat Clueso seit seinem Ausflug nach Köln veröffentlicht. Sie dokumentieren seinen Weg vom Rapper zum Songwriter. Und den Weg vom Geheimtipp zum Popstar. Schritt für Schritt. 53 - 11 - 3. Das sind die Spitzenplatzierungen seiner ersten drei Studioalben in den Charts. Sein letztes Album „So sehr dabei“ (2008) verkaufte sich bereits mehr als 200 000 Mal.

In der Zeit danach war die Gitarre sein ständiger Begleiter. Im Tourbus, in Hotelzimmern, auf der Finca in Spanien. Clueso schrieb und schrieb. Und am Ende musste er eine ganze Reihe liebgewonnener Lieder streichen. Auf eine CD passen im Normalfall leider nur 74 Minuten. „An und für sich“ dauert 72.

Um es klar zu sagen: Der Sänger macht es seinen Hörern nicht leicht. Hits wie „Chicago“, „Keinen Zentimeter“ oder „Gewinner“ sucht man auf „An und für sich“ vergeblich. Clueso zuckt nicht, wenn man ihm an den Kopf wirft, sein neues Werk komme ziemlich sperrig daher. „Provozieren“ wolle er, sagt Clueso. Vor allem sich selbst. „Ich wollte noch nie dasselbe machen wie auf dem Album davor. Ich suche immer unbequeme Tonarten oder neue Stile.“ Und manchmal lässt er auch Dinge stehen, an denen er selbst zu knabbern hat. „Zum Beispiel ein Track wie ,Die Straßen sind leer‘ - der ist viel zu lang.“ Dann muss er selbst lachen.

Seit Jahren spielt Clueso nun mit seiner Band zusammen („auch wenn ich keine Angst habe, mal mit anderen Musikern fremdzugehen“). Er wollte sich Zeit lassen. Zwei Jahre. Im spanischen Motril mietete er eine Finca, um in Abgeschiedenheit an seinen ruhigen, oft traurigen Songs zu basteln. Am Schluss war der „extreme Perfektionist“ (Clueso über Clueso) immer noch nicht zufrieden - und verschob das Erscheinen um ein paar Monate.

Das ist die Phase, in der der freundliche, wohlerzogene junge Mann auf Autopilot schaltet. Dann kommt keiner mehr an ihn heran - nur noch die Musik. „Ich bring das Ding immer nach Hause - und mache in den letzten Monaten eigentlich alles“, sagt er. „Da fühlt sich die Band zwar manchmal außen vor, aber man kann dann nicht mehr jedem gerecht werden.“ Bei allem Bandfeeling ist Clueso eben doch eine Ein-Mann-Show. „Eine demokratische Diktatur“ nennt er das.

Herausgekommen ist ein typisches Clueso-Album. Jedes Stück nimmt Anleihen bei einem anderen Stil. Mal bricht ein Elektrobeat durch, es gibt Soul, Jazz und ganz gelegentlich sogar noch Restspuren seiner Rap-Vergangenheit (wie bei „Du bleibst“, dem Höhepunkt der Platte). Immer aber spielt der Text einen wichtigen Part. „An und für sich“ steckt voller kleiner Hörspiele mit großen Momenten. Nur manchmal wünscht man sich, es hätten zwei Stücke mit mehr Sturm und Drang aufs Album geschafft. Das würde es dem Hörer einfacher machen.

Die Kritiker haben sich schon immer schwergetan, den Erfurter in einer ihrer Schubladen zu verräumen. Einmal war er als Vorband von Herbert Grönemeyer auf Tour, was einige zu der seltsamen Theorie veranlasste Clueso sei „der neue Herbert Grönemeyer“. Das ist natürlich Unsinn. Aber wenn Clueso weiter in kleinen Schritten an Kunst, Ruhm und Erfolg bastelt, dürfte er zu einer eigenen Marke werden. Made in Erfurt.

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