Populäre Musik zu schreiben ist keine Schande

- Vor ein paar Jahren war er der jüngste Chefdirigent der Welt - bei den Tronheimer Sinfonikern in Norwegen: Mit 22 Jahren hat Daniel Harding, geboren 1975 in Oxford, dort seinen ersten Posten angetreten, mittlerweile hat er, der Schüler Claudio Abbados und Simon Rattles, fast alle großen Orchester der Welt dirigiert, Wiener und Berliner Philharmoniker inklusive. Heute abend und am Wochenende führt Harding mit den Münchner Philharmonikern Tschaikowskys Violinkonzert (mit Christian Tetzlaff als Solist) und die Symphonie "Asrael" von Josef Suk auf.

Vor wenigen Tagen noch ein Benefizkonzert in Texas, jetzt in München, nächste Woche in Italien - wie entspannen Sie sich?

Daniel Harding: Zuhause bei ganz alltäglichen Sachen: Wir haben zwei kleine Kinder, da ist immer etwas zu tun, ich nehme Unterricht im Florett-Fechten, ich koche leidenschaftlich, und ich bin ebenso leidenschaftlicher Fußball-Fan. Heute abend (der gestrige Donnerstag) werde ich mir das Championsleague-Spiel Chelsea-Liverpool ansehen.

Wem drücken Sie die Daumen?

Harding: Keinem von beiden. Beide sind "Feinde" meines eigenen Clubs Manchester United - (lachend) je mehr Verletzungen und Rote Karten, desto besser.

Josef Suks "Asrael"-Symphonie - ein nur selten zu hörendes Stück. Was hat es damit auf sich?

Harding: Ich bin erstmals mit 17 als Assistent von Simon Rattle damit in Berührung gekommen und war tief beeindruckt. Suk hat mit der Komposition nach dem Tod seines Schwiegervaters Antonin Dvorák begonnen, in den ersten Sätzen gibt es Zitate aus Dvoráks Requiem. Das Finale sollte fröhlich werden, eine Art Apotheose Dvoráks - da starb plötzlich Suks Frau, das warf das ursprüngliche Konzept des Komponisten über den Haufen. So ist es eine extrem starke, facettenreiche, persönliche Musik geworden.

Wie findet man sich in einer so persönlichen Musik wieder?

Harding: Glücklicherweise bin ich selbst noch nicht in einer solchen Situation gewesen wie Suk - aber das ist ja gerade das Großartige an Musik, dass wir durch sie zu Sachen Zugang bekommen, die wir in unserem eigenen Leben gar nicht kennen.

Der Kritiker Eduard Hanslik fühlte sich bei der Uraufführung von Tschaikowskys Violinkonzert nicht solchermaßen inspiriert - er schrieb damals von "stinkender Musik".

Harding: Hanslik war ein Arsch. Ich finde, man sollte seine Bonmots nicht zelebrieren, nur weil man sie lustig findet. Eigentlich lag Hanslik fast immer falsch, und was sind seine Äußerungen wert, verglichen mit den Werken, die er kritisiert hat, etwa die Symphonien Bruckners? Aber alle gute Musik hat selbstverständlich Gerüche, auch die Tschaikowskys, da riecht es mal nach Bauernhof, da gibt es Betrunkene, es ist mal nicht alles sauber, aber es ist dadurch menschlich. Und dann gibt es wieder so viel Dunkles, Unangenehmes, Einsames, das einen unglaublich berührt. Ich finde, man sollte nicht so hochnäsig sein, auf eine Musik deswegen herabzuschauen, nur weil sie die Leute von den Sitzen reißt. Populäre Musik zu schreiben ist keine Schande.

Das Gespräch führte Andreas Grabner.

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