Seit vier Jahren gibt es die Barocksolisten München – die Idee für das Ensemble wurde auf einer Autofahrt geboren.

Porträt der Barocksolisten München

Ohne Kompromisse

München - Seit vier Jahren gibt es die Barocksolisten München – die Idee für das Ensemble wurde auf einer Autofahrt geboren. Ein Porträt.

Auf einer Autofahrt im dichten Schneegestöber überrumpelte Dorothea Seel ihre Kollegin Katrin Lazar mit dieser Idee: Ein festes Ensemble für Alte Musik wollte die Flötistin gründen – und die Fagottistin ließ sich „schnell überreden“. Das war Weihnachten 2009 auf der Autobahn zwischen München und Darmstadt. Knapp vier Jahre später eröffneten die Barocksolisten München bereits die Residenzwoche. Gerade erschienen die ersten beiden CDs, die das zehnköpfige Team eingespielt hat: Concerti von Johann Zach und Solo Concertos von Antonio Vivaldi (siehe Kurzkritik auf Seite 15).

„Wer passt zu uns, und wem könnte das Repertoire Spaß machen?“, fragten sich die beiden Holzbläserinnen, als sie Anfang 2010 begannen, ihre Truppe zusammenzustellen: Fünf Streicher, den Oboisten Andreas Helm und die Cembalistin Anne Marie Dragosits scharten sie um sich. Alle Instrumentalisten sind gestählt in den renommiertesten Alte-Musik-Formationen zwischen London, Berlin, Köln und Wien. „Wir steigen bei den Proben auf sehr hohem Niveau ein, sodass wir eigentlich nur noch an den Feinheiten feilen müssen“, freut sich Dorothea Seel, fürwahr die Seele des Ganzen, da sie sich ums Management kümmert.

„Wir sind Profimusiker, und da müssen auch die Finanzen irgendwo stimmen“, räumt Katrin Lazar ein, die zugleich zugibt, dass bei allen Akteuren eine ordentliche Portion Idealismus dazukommt. Den wohl alle gerne aufbringen, wie der Ausspruch der Streicher beweist: „Die Barocksolisten sind die einzige Gruppe, bei der es keine Kompromisse gibt.“ Ein Kompliment, das Seel zum Strahlen bringt. „Für jeden ist die Arbeit kreativ und anregend“, betont sie.

München fungiert als Hafen für das Ensemble. Hier treffen sich die umtriebigen Musiker, um ihre Projekte und Konzerte vorzubereiten. Im vergangenen Jahr waren es acht, dazu kamen Meisterklassen. Denn als Dozenten wirken einige der Barocksolisten München nicht nur bei den sommerlichen Meisterkursen der „trigonale“ in Ossiach, sondern auch an unterschiedlichen Hochschulen. Stift Ossiach und die Carinthische Sommerakademie gehören für die Musiker bereits zum Jahresablauf. Neben den Konzerten unterrichten sie dort und genießen ihre freien Abende unter Kärntner Sternenhimmel – „das ist wie Urlaub mit den besten Freunden“, gesteht Katrin Lazar.

Überhaupt treibt es die Barocksolisten mit ihren historischen Instrumenten häufig an schöne Orte: Ins Schloss Augustusburg nach Brühl, ins Ferdinandeum nach Innsbruck, ins Wasserburger Rathaus, in den Hofgarten des Schlosses Dachau, in die Münchner Residenz, aber auch in Schulen. Dort genießen sie bei „Meet the artist“ (Triff den Künstler) die Aufgeschlossenheit und das Interesse der Kinder und Jugendlichen und freuen sich, wenn die Schüler abends ins Konzert kommen.

Auch wenn die Musik des Barock im Fokus steht, gestattet sich das Ensemble Ausflüge in die nachfolgende Wiener Klassik und dokumentiert auf seiner ersten CD mit Werken des in Böhmen geborenen, auch in Regensburg bei Thurn und Taxis tätigen Johann Zach genau diesen Übergang. Da aber die historisch informierten Musiker es genau nehmen, greifen vor allem die Bläser dann zu anderen Instrumenten – zu jenen, die in der Zeit Haydns und Mozarts benutzt wurden. Und die Streicher schrauben ihre Stimmung schon bei Zach um einen Viertelton höher. „Deshalb mischen wir in unseren Konzerten nie die Epochen“, erklärt die Fagottistin.

Kollegin Seel erfindet die griffigen Konzerttitel, und Cembalistin Anne Marie Dragosits liefert als promovierte Musikwissenschaftlerin den fundierten Unterbau – auch in den vorzüglichen CD-Booklets. Bei ihrem Programm „Oh Du lieber August“ begeben sich die Barocksolisten München auf eine Kavalierstour Augusts des Starken, die von Sachsen nach Italien führt. Bei „Kaiserschmarrn“ werden Köstlichkeiten aus dem Hause Habsburg serviert, und bei „Burggasse 6“ erinnern die Instrumentalisten an Mozarts Münchner Aufenthalt, als er 1780/81 unter dieser Adresse den „Idomeneo“ komponierte.

Auch was die steife, festgefahrene Konzertform angeht, machen sich Seel und Kollegen Gedanken: Die Flötistin stellt sich etwa ganz kühn ein – historisch korrektes – vielstündiges Barockspektakel im Cuvilliéstheater vor: „Natürlich mit Musik, die als Herzstück auf einer erhabenen Insel mitten im Zuschauerraum entsteht, aber auch mit Speis und Trank.“ Wer weiß, vielleicht gelingt es den Barocksolisten München schon bald, diesen Silvesterknaller zu zünden.

Gabriele Luster

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