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Kommunikation ohne viele Worte: Claudio Abbado bei der Arbeit mit seinem Orchestra Mozart.

Porträt zum Auftritt

Konzert: Claudio Abbado wieder in München

München - „Theater und Kinos sind wie viele kleine Aquädukte“: Claudio Abbado gastiert nach langer Zeit wieder in München. Ein Porträt zum Konzert.

In seiner Wohnung hoch über den rotbraunen Dächern der Altstadt von Bologna bewahrt Claudio Abbado ein Geschenk auf, das ihm viel bedeutet. Aus Streichhölzern haben ihm Häftlinge des Dozza-Gefängnisses ein historisches Segelschiff gebastelt, als Dank für Konzerte, die er ihnen mit seinem Orchestra Mozart gewidmet hat. Der stille Weltstar Abbado, der lange nicht in München zu erleben war und an diesem Donnerstag mit dem Orchestra Mozart im Herkulessaal gastiert, verteidigt Kultur als gesellschaftliches Allgemeingut, das so lebensnotwendig sei wie Wasser.

„Theater, Bibliotheken, Museen und Kinos sind wie viele kleine Aquädukte“, lautet seine Reaktion auf Kürzungen staatlicher Zuschüsse in Italien. Abbados Ansinnen, Musik in alle Winkel der Gesellschaft zu tragen, gründet nicht zuletzt auf der Erkenntnis, dass das aufeinander Hören als Voraussetzung menschlichen Zusammenlebens wiederbelebt werden sollte. In einer musikalischen Familie in Mailand aufgewachsen, hörte er schon als kleines Kind Trios von Schubert, Brahms und Beethoven, die sein Vater Michelangelo, Geiger und Musikpädagoge, mit seinen Freunden aufführte. Von der Mutter Maria Carmela, einer Pianistin und Kinderbuchautorin, erhielt er den ersten Unterricht am Klavier. Auf einer raren Schallplattenaufnahme aus den späten 50er-Jahren ist er als begabter Pianist mit dem Barockensemble seines Vaters zu erleben.

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Das Ideal des kammermusikalischen Musizierens ist für Abbado später auch bei der Arbeit als Dirigent mit großen Orchestern zentral geblieben, ob als Chef der Scala, bei den Wiener und Berliner Philharmonikern, in London und Chicago, bei seinen Jugendorchestern oder am Pult des Mahler Chamber Orchestra, des Lucerne Festival Orchestra und des Orchestra Mozart. Musiker berichten von einer intensiven Kommunikation ohne viele Worte, die durch Blicke und Gesten zu einem geradezu magischen Zusammenklang führt. Berührungsängste in Sachen Repertoire kennt er dabei nicht: Anders als viele Star-Kollegen stellt er sich der barocken Aufführungspraxis – etwa übermorgen mit seinem Bach-Programm im Herkulessaal.

Claudio Abbado hat viele Grenzen überschritten und neue Brücken geschlagen. Bereits in seiner Familiengeschichte vereinen sich größtmögliche Gegensätze. Seine Mutter stammte aus Sizilien, sein Vater aus dem Piemont im äußersten Nordwesten Italiens. Väterlicherseits lässt sich die Ahnenreihe sogar bis zu den Mauren-Herrschern im mittelalterlichen Sevilla zurückverfolgen. Einer seiner Vorfahren, König Muhammad al-Mutamid ibn Abbad, der blumige Liebes- und Heldengedichte hinterlassen hat, gilt in Spanien als der größte Poet seiner Epoche.

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Abbados großem Interesse für Literatur, Theater, Kunst und Kino waren nicht zuletzt die großen Themenzyklen „Prometheus“, „Hölderlin“, „Faust“ oder „Liebe und Tod“ zu verdanken, die er in den 90er-Jahren als Chef der Berliner Philharmoniker bot. Er verband Konzerte mit Lesungen, Theaterstücken und Filmvorführungen und wollte in der Umbruchzeit nach dem Mauerfall nicht nur ein neues Musikpublikum gewinnen, sondern auch durch Kooperationen zwischen Kulturinstitutionen den kulturellen und gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Stadt stärken.

Als unermüdlicher Orchestergründer hat Abbado seit den späten 70er-Jahren Generationen begabter Nachwuchsmusiker den Einstieg ins Berufsleben ermöglicht. So hält etwa das 1986 in Wien gegründete Gustav Mahler Jugendorchester, das einst über den Eisernen Vorhang hinweg junge Musiker aus Ost- und Westeuropa zusammenbrachte, Probespiele auch in Städten jenseits der EU-Grenzen ab, um möglichst vielen Kandidaten die Teilnahme zu ermöglichen.

In der jüngeren Vergangenheit von Abbado gegründete Klangkörper wie das Lucerne Festival Orchestra (2003) und das Orchestra Mozart (2004) sind keine Jugendorchester, sondern eine Art Destillat seiner künstlerischen Erfahrungen. Im Mozart-Orchester, das von Bologna aus Tourneen durch Europa unternimmt, spielen erfahrene Solisten zusammen mit jungen Kollegen.

Abbado hat in Bologna den Anstoß zu vielfältigen sozialen Initiativen gegeben. In Zusammenarbeit mit dem Dozza-Gefängnis bietet das „Progetto Papageno“ eine Chorwerkstatt für Strafgefangene an, während das „Progetto Tamino“ Musiktherapieprojekte mit kranken Kindern durchführt. Aus Venezuela, wo er mit dem Jugendorchestersystem („El Sistema“) von José Antonio Abreu zusammenarbeitet, hat Abbado den „Chor der Weißen Hände“ geholt, der es tauben und hörgeschädigten Kindern ermöglicht, Musik durch Bewegungen zu erfahren und auszudrücken.

Der Dirigent, der im nächsten Jahr seinen 80. Geburtstag feiert, engagiert sich außerdem für den Umwelt- und Klimaschutz. Ein gemeinsam mit dem Architekten Renzo Piano entworfenes Begrünungsprojekt für Mailand, das mit 90 000 neuen Bäumen die Luft in der smoggeplagten Großstadt verbessern sollte, konnte zwar nicht umgesetzt werden. Dafür hat Abbado aber an der Westküste Sardiniens nicht nur einen üppigen Privatgarten mit Bananenstauden, Palmen, Hibiskus und Bougainvillea angelegt, sondern auch einen vernachlässigten Küstenstreifen wiederaufgeforstet und als Naturpark öffentlich zugänglich gemacht.

Konzert am Donnerstag um 20 Uhr im Münchner Herkulessaal, Karten unter Tel. 089/ 93 60 93.

Von Corina Kolbe

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