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Porträt von Daniele Rustioni zu „Les Troyens“ an der Bayerischen Staatsoper: Für immer jung

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Von: Markus Thiel

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Daniele Rustioni
„Ein verrücktes, schizophrenes Stück“, nennt Daniele Rustioni „Les Troyens“. © Wilfried Hösl

Die Stelle gab es bis vor Kurzem gar nicht: Daniele Rustioni ist Erster Gastdirigent an der Bayerischen Staatsoper. Mit seinen bisherigen Einsätzen hat der Mailänder das Haus schon ziemlich aufgemischt, jetzt steht der 39-Jährige bei seiner ersten Premiere am Pult: „Les Troyens“ von Hector Berlioz.

Immerhin, er springt nicht mehr. Zumindest versucht es Daniele Rustioni. Auch die Sache mit dem Schwitzen hat sich gelegt. „Was in mir ist, lasse ich schon heraus, aber ohne Verrücktheiten“, wie er es formuliert. Was geblieben ist: Sobald der 39-Jährige am Pult steht, ist da Premierenatmosphäre. Als ob er Orchester und Gesangspersonal mit einem Kraftwerk verstöpselt, also mit sich selbst. Es knistert, auch in Wiederaufnahmen oder in der x-ten Repertoirevorstellung.

Ein paar Mal schon konnten man das im Münchner Nationaltheaters erleben. Bei Puccinis „Madame Butterfly“, bei Verdis „Rigoletto“ oder kürzlich, als Rustioni beim Akademiekonzert einsprang. Seit dieser Spielzeit ist der gebürtige Mailänder und Wahl-Londoner Erster Gastdirigent der Bayerischen Staatsoper. Die Position gab es vorher nicht. Sicher, zu Wolfgang Sawallischs Zeiten stand ihm Heinrich Bender als „Staatskapellmeister“ bei, später war Ivor Bolton neben Generalmusikdirektor Zubin Mehta Dauergast.

Intendant Serge Dorny hat für Rustioni diese Stelle geschaffen, der damit zweitwichtigster Dirigent neben Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski ist. Rustioni ist Dornys Mitbringsel von der Oper Lyon. Als Intendant hat er den damals sehr jungen Musiker an der Rhône zum Chefdirigenten gemacht. Nach Dornys Wechsel Richtung München ist Rustioni in Lyon zum „Musikdirektor“ aufgestiegen. Mehr Verantwortung bedeute dies, sagt der Beförderte – wohl auch, um ihn zu halten. Nun kann er bei der Einladung von Gastdirigenten mitreden oder die großen Linien der Spielzeiten mitbestimmen.

In drei Schritten raus aus der Italien-Falle

In München steht Rustioni vor seiner ersten Premiere. Es ist einer der größten Brocken: „Les Troyens“ von Hector Berlioz kommt am Montag heraus. Die fünfstündige Saga um Aeneas, die Zerstörung Trojas und die unerfüllte Liebe zwischen dem antiken Helden und Karthagos Königin Dido steht in der Tradition der Grand Opéra. Das heißt: große Chöre, Ballette, ausgedehnte Gesangspartien – das volle Programm also.

„Ein verrücktes, schizophrenes Stück“, nennt es Rustioni. „Die Orchestrierung wirkt wie bei einem deutschen Werk. Aber es soll oft italienisch oder französisch klingen – sehr knifflig. Manchmal scheint es, als ob jede Nummer ihre eigene Atmosphäre hat.“ In London hat Rustioni „Les Troyens“ als Assistent von Antonio Pappano mitbetreut. „Was das Stück wirklich bedeutet, war mir erst klar, als ich alles auf der Bühne gesehen und damit von außen betrachtet habe.“

Nach dem Studium in Mailand und Siena wechselte Rustioni an die Royal Academy. Für ihn goldrichtig nicht nur wegen der Londoner Gesellenjahre, sondern auch aus Image-Gründen. Natürlich hat er viel italienisches Fach dirigiert. „Ein Geschenk“ sei es, wenn man als Italiener automatisch für Verdi, Puccini & Co. gefragt werde. Außerdem könne man damit leicht Terminkalender und Konto füllen. Andererseits sei da diese Schublade: „Mit drei Schritten kommt man aus der Falle heraus. Erstens über das Dirigieren von symphonischen Werken, deshalb hatte ich immer parallel eine Position an einem Symphonieorchester. Zweitens, indem man aus Italien wegzieht. Und drittens, indem man immer wieder Nein sagt.“

Kürzlich brachte Rustioni die Met aus dem Häuschen

Überhaupt störe ihn eine grundsätzliche Sache – und nun wird es – Vorsicht Klischee – italienisch aufbrausend: „Warum darf eigentlich jeder britische oder japanische Dirigent das komplette Repertoire dirigieren und wir Italiener nicht? Natürlich kann keiner alles auf demselben hohen Level leisten. Aber merkwürdig ist es schon, wer wem etwas zutraut und wem nicht.“

Schon mehrere Chefverträge hat Rustioni unterzeichnet, beim Teatro Petruzzelli in Bari, beim Orchestra della Toscana, beim Ulster Orchestra und seinen bislang größten in Lyon. International startet er gerade durch. Kürzlich hat Rustioni an der Met in 30 Tagen 14 Aufführungen geleitet, darunter eine Premierenserie von „Rigoletto“ und damit die New Yorker aus dem Häuschen gebracht.

Trotz des elektrisierenden Auftretens ist da aber ein genau abwägender Denker in Sachen Aufführungspraxis unterwegs. Rustioni hat Respekt vor der Interpretationslinie von Toscanini bis Muti, die extrem auf Struktur achte. Dennoch dürfe man die Linie, die enge Orientierung am nicht nur italienischen Sprachduktus, die entsprechenden Farben nicht ignorieren. Überhaupt sind ihm Klischees ein Graus. „Wir müssen wir davon Abstand nehmen, Italien immer als sonniges, fröhliches Land zu begreifen. Es ist ein teilweise sehr armes, vom Schicksal gebeuteltes Land. Auch das spricht aus Verdis Musik. In Mailand kann es im Winter kälter sein als in London.“

Neben „Les Troyens“ betreut Rustioni in München demnächst noch die Wiederaufnahmen von Verdis „Otello“ und dessen „Un ballo in maschera“. Dass er pro Saison eine Premiere bekommt, gilt als sicher. Es sei denn, es lockt ein großes Haus mit einem Chefposten. Dass dies in den nächsten Jahren passiert, ist angesichts der steilen Karriere so gut wie sicher. Lyon als Durchlauferhitzer, München als international strahlende Plattform, das passt.

Noch immer genießt Rustioni den Ruf als junger Dirigent – obwohl er schon viel Erfahrung im Kreuz hat. Es liegt an seiner Ausstrahlung, mit der er die Orchester befeuert. Und trotzdem. „Die brutale Wahrheit ist: Bis man 60 ist, gilt man als junger Dirigent.“ Was bedeutet: Da gibt es manchmal ein Autoritätsproblem, auch wenn das Rustioni immer weniger erlebt. „Wenn man ein Orchester dirigiert, und eine Passage ist nicht zusammen, gibt es zwei Möglichkeiten: Wenn man jung ist, dann ist der Dirigent schuld. Wenn er älter ist, das Orchester.“

Premiere
von „Les Troyens“ am 9. Mai; Karten unter Telefon 089/2185-1920.

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