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Die Litauerin Mirga Gražinytė-Tyla (30) befindet sich gerade im Karriere-Steilflug.

Porträt zur Salzburger Opern-Neuproduktion

Der Stern von Birmingham

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Salzburg - Nur noch bis Ende der Spielzeit ist Mirga Gražinytė-Tyla Chefdirigentin des Salzburger Landestheaters. International ist sie sehr gefragt, seit kurzem als Leiterin des City of Birmingham Symphony Orchestra und damit als Nachfolgerin von Simon Rattle und Andris Nelsons.

Blut ist keines geflossen. Und trotzdem durfte das Orchester rasen, toben, auch mitleiden mit den armen, verfluchten Bühnenfiguren, fast drei Stunden lang. Mozarts „Idomeneo“ ist nicht nur antikes Drama über ein väterliches Gelübde, bei dem der Sohn beinahe das Zeitliche segnen muss, sondern vor allem ein Orchesterfest, so lohnend wie konditionsraubend. Was nicht ausschließt, dass man 20 Minuten nach dem Schlusston noch Lust auf ein Interview hat. „Mirga macht das gern“, heißt es aus dem Theater, die Chefdirigentin scheint dort nur unter ihrem Vornamen zu laufen.

Der komplette Name ist ja auch kompliziert genug. Mirga Gražinytė-Tyla, wer den nicht aussprechen kann, muss ihn sich wenigstens dringend merken: Der Stern der 30-jährigen Litauerin steigt gerade steil nach oben am Klassikfirmament. Nur noch bis Ende der Spielzeit ist sie musikalische Leiterin des Salzburger Landestheaters, weil sie seit September beim City of Birmingham Symphony Orchestra in selber Position aktiv ist. Ein Ensemble, das als Durchlauferhitzer für die ganz Großen gilt: Gražinytė-Tylas Vorgänger sind Simon Rattle und Andris Nelsons.

„Alles geht zu schnell, das hört meine Agentin ständig“, sagt sie. Und platzt dann heraus mit diesem Lachen, das so ansteckend ist und ihren bedächtigen Redefluss wie eine Explosion unterbricht. Überhaupt spricht Mirga Gražinytė-Tyla, die unter anderem in Graz, Leipzig und Zürich studiert hat, ein wunderbar weiches, melodisches Deutsch. Immer etwas zögernd, suchend und so fein abgestimmt in Dynamik und Tempi, als habe dafür ein unbekannter Komponist die Partitur geschrieben. „Natürlich fühle ich jetzt einen gewissen Druck“, sagt sie. „Aber weniger, weil es in Birmingham prominente Vorgänger gab, sondern weil dieses Orchester sehr hohe Ansprüche hat.“

Ihr Salzburger „Idomeneo“ überflügelt den dortigen Festspiel-Mozart

Für die Litauerin ist der britische Job in vielerlei Hinsicht Neuland. Musikalisch sozialisiert wurde sie eher über die Vokalmusik. Ihr Vater ist ein bekannter Chorleiter, 2010 hatte sie ihr Operndebüt mit „La traviata“ in Osnabrück, es folgten Engagements an den Bühnen von Heidelberg, Bern und nun eben Salzburg. „Was liegt mir? Was kann ich lieben? Kann das symphonische Repertoire ein Zuhause werden wie die Vokalmusik?“ Alle diese Fragen möchte Mirga Gražinytė-Tyla für sich in Birmingham beantworten. Übrigens nicht nur dort: Ein weiteres Standbein hat sie in Los Angeles als „Assistant Conductor“ beim Philharmonic Orchestra an der Seite von Gustavo Dudamel. Außerdem gibt es ein entwaffnendes Argument: „Das Singen und das Mitatmen-Können hilft bei jeder Musik. Vom Gesang geht doch alles aus.“

Dass hier kein von Agenturen und PR-Firmen hochgeschossener Star unterwegs ist, begreift man unter anderem, wenn man Gražinytė-Tylas Salzburger „Idomeneo“ erlebt. „Historisch informiert“ trifft ihre Interpretation nur unvollständig. Es stürmt und drängt im hochgefahrenen Graben. Streng, sehnig, kraftvoll klingt dieser Mozart, mit Überraschungsangriffen gespickt, gleichzeitig durchlüftet und klug analysiert. Umso stärker treten die nie verzärtelten lyrischen Stellen heraus.

Das Mozarteum-Orchester spielt das enorm wendig. Die Chefin agiert mit bestechendem Handwerk, zu 99 Prozent blickt sie dabei zur Bühne, so gut wie nie Richtung Partitur. Kleine Unschärfen werden mit sicherer Körpersprache sofort abgefangen. Sogar ein Gau wird gemeistert: Der Tenor, der als Einspringer für die Titelrolle vorgesehen ist, leidet selbst an schwerer Indisposition – ohne dass dies Gražinytė-Tyla zuvor erfahren hätte. Und doch dirigiert, animiert und lotst sie den Apparat, als ob der Unfall das Normalste der Welt sei.

An der Spitze eines Symphonieorchesters, so mutmaßt man, kann so etwas kaum passieren, es müssen da schließlich weniger Beteiligte koordiniert werden. „Einfacher ist das nicht“, widerspricht Mirga Gražinytė-Tyla. „Auch da gibt es viele Planungsgespräche und offene Fragen! Deshalb ist Salzburg für mich gerade Urlaub pur.“ Wieder dieses Lachen. Ein „wunderbares Dorf mit fantastischer Lebensqualität“ nennt die Dirigentin die Mozartstadt. Und man hört auch Wehmut heraus, quasi vorweggenommenes Heimweh. Ein extrem konzentriertes Kulturleben auf engstem Raum, das gibt es in Birmingham und Los Angeles nicht. „Ich treffe hier auf der Straße zufällig Künstlerfreunde, ohne dass ich wusste, dass die überhaupt in der Stadt sind!“

Neugier, Lust aufs Ausprobieren und viel Reflexionsvermögen

Nur drei Jahre wird Gražinytė-Tyla im kommenden Sommer in Salzburg gewesen sein. Ihr Engagement in Bern war ähnlich kurz. Auch in Birmingham hat sie zunächst für drei Jahre unterschrieben. Hetzt da ein Jungstar gerade atemlos durch den Musikbetrieb? Die Dirigentin will das nicht falsch verstanden wissen. Nicht Orientierungslosigkeit spricht aus diesen Entscheidungen, eher Neugier, die Lust aufs Ausprobieren – und viel Reflexionsvermögen: Wer weiß, so schwingt in ihren nachdenklichen Antworten mit, ob alles auch das Richtige für beide Seiten ist?

Das Salzburger Landestheater verliert mit Gražinytė-Tyla jedenfalls einen Motor, ach was: einen kleinen Reaktor. Umso mehr will man dort die noch ausstehenden Abende mit „unserer Mirga“ auskosten. Die neue „Bohème“ Ende Februar, die beiden Projekte mit Musik des Litauers Bronius Kutavicius und natürlich die aktuelle „Idomeneo“-Serie, die alle Mozart-Anstrengungen der benachbarten Festspiele musikalisch in den Schatten stellt. Dass in dieser Produktion die geniale Ballettmusik, die an den Schlusschor anschließt, gestrichen wurde, bedauert man da umso mehr. Die Dirigentin übrigens auch: Die „längste Diskussion“ mit Regisseurin Arila Siegert habe es zu diesem Thema gegeben.

Von der stilisierten bis diffusen Inszenierung dürfte übrigens nicht viel im Gedächtnis haften bleiben, dafür einiges von Meredith Hoffmann-Thomson (Elettra), Tamara Ivaniš (Ilia), besonders von Sophie Rennert (Idamante), in erster Linie aber von Mirga Gražinytė-Tylas überrumpelnder Deutung. Und eines darf vermutet werden: Nur wenige Jahre noch, und diese Dirigentin wird Debatten um musikalische Fassungen mühelos gewinnen.

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