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Jerry Lewis feiert heute seinen 90. Geburtstag.

Porträt zum Geburtstag

Happy Birthday, Jerry Lewis!

München - Am heutigen Mittwoch wird der Kino-Tollpatsch Jerry Lewis 90 Jahre alt – sein Film über die Shoah wurde nie aufgeführt. Ein Porträt des "weinenden Clowns".

„Die Augen erzählen die Geschichte“ – davon ist Jerry Lewis zutiefst überzeugt. Man kann Witze erzählen und artistischen Slapstick vorführen, aber das Entscheidende macht man auch und gerade als Komiker mit den Augen. Jerry Lewis hat, wie es sich für einen wahrhaften Komödianten gehört, große, traurige Kinderaugen. Aus ihnen spricht die Verwunderung darüber, dass die Welt so ist, wie sie ist, und sie zeigen gleichzeitig das Bedauern, dass Jerry Lewis nicht so recht in diese Welt hineinpassen mag.

Früh hat Lewis das Bild des tollpatschigen Außenseiters kultiviert, der das Herz am rechten Fleck hat, aber leider auch verdammt viel Pech. Schon als Fünfjähriger tritt Lewis, der am 16. März vor 90 Jahren in New Jersey als Joseph Levitch geboren wurde, mit seiner Familie auf: Man tingelt durch Clubs und Restaurants des sogenannten Borscht-Belts, also dem Umland von New York, wo viele Nachfahren osteuropäischer Juden leben. Lewis stammt aus so einer Familie, der Großvater war noch Rabbi in Russland.

Seine Mimik und seine quäkende Stimme fielen früh auf

Der Bursche fällt früh auf mit seiner extravaganten Mimik, seiner Artistik und der eigenwillig quäkenden Stimme. Im März 1946 tritt Lewis im selben New Yorker Club wie Dean Martin auf. Die beiden sind sich schon ein paar Mal über den Weg gelaufen und improvisieren am Ende des Abends eine Klamauknummer. Das Publikum rastet aus. Der gut aussehende, coole Italo-Amerikaner Martin und der hyperaktive Zappler Lewis ergänzen sich kongenial. Bald sind sie das erfolgreichste Filmduo ihrer Zeit. Lewis wird später Dean Martin die „Liebe meines Lebens“ nennen, aber damals kommt es bald zu hässlichen Szenen. Der privat mürrische Perfektionist Lewis und der lässige Chaot Martin geraten immer öfter aneinander. 1956 ist dann, nach zwei Jahren totaler privater Funkstille, endgültig Schluss mit dem Gespann. Lewis macht manisch weiter, reißt die Kontrolle an sich und inszeniert seine Filme nun selbst. Er will es allen zeigen, allen voran natürlich Martin. Lewis hat Erfolg, aber die Kritiker lassen kein gutes Haar an ihm. Nur in der fernen Schweiz bescheinigt ihm Charlie Chaplin Genie.

Ende der Sechziger plante Lewis einen radikalen Schnitt

Ende der Sechzigerjahre laufen die Filme nicht mehr so gut, Lewis wirkt wie aus der Zeit gefallen. Er plant einen radikalen Schritt und beginnt mit den Dreharbeiten zu „Der Tag, an dem der Clown weinte“. Es ist die Geschichte eines deutschen Komikers, der im KZ jüdische Kinder zum Lachen bringt, bevor sie vergast werden. Der Druck ist immens, Lewis wird angesichts der akkurat rekonstruierten Kulissen eines Vernichtungslagers depressiv, bricht zusammen. Er hat die emotionale Wucht seiner Idee unterschätzt und verzweifelt daran, nicht komisch sein zu können. Kurz vor Drehschluss verschwindet Lewis grußlos vom Set. Der Film, für 1973 angekündigt, erscheint nie, aber in Hollywood ist er Tagesgespräch.

Zermürbt vom nachlassenden Erfolg, der Debatte um einen Film, den niemand gesehen hat, und gepeinigt von gesundheitlichen Problemen zieht sich Lewis aus dem Filmgeschäft zurück. Ab und an tritt er noch in Produktionen anderer Regisseure auf, meist in ernsten Charakterrollen. Einen Film alleine tragen kann Lewis schon lange nicht mehr. Er wird von chronischen Schmerzen geplagt und hat diverse Herzinfarkte hinter sich – einmal so heftig, dass er für klinisch tot erklärt wird.

Aber er hat sich immer wieder zurückgekämpft. Der ehemalige Kettenraucher und Bourbon-Liebhaber lebt heute in Las Vegas ein vergleichsweise gesundes Leben und genießt offenkundig die späte Wertschätzung, die ihm entgegengebracht wird. Spät, aber immerhin. Applaus ist für einen zwanghaften Typ wie Lewis eine Überlebensdroge. Wenn er nachts den Kühlschrank öffnet und vom Licht angestrahlt wird, beginne er sofort eine seiner Nummern aufzuführen, hat Lewis einmal erzählt. Man kann nicht völlig sicher sein, ob es nur ein Scherz war.

Zoran Gojic

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