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Papier oder Porzellan? Die Unterschiede sind kaum zu erkennen. Hier die Papier-Entwürfe von Ruth Gurvich für eine Teekanne samt Deckelchen und Henkeln.

Porzellan-Manufaktur Nymphenburg

Aus Papier mach’ weißes Gold

München - Extreme Herausforderung: Die Designerin Ruth Gurvich hat für die Porzellan-Manufaktur Nymphenburg ihre Edition "Lightscape" entworfen.

Papier oder Porzellan? Die Unterschiede sind kaum zu erkennen. Hier die Papier-Entwürfe von Ruth Gurvich für eine Teekanne samt Deckelchen und Henkeln.

Nein, die Franzosen waren nicht begeistert. „Da können Sie gleich wieder heimgehen“ – so ihr Kommentar zu Ruth Gurvichs Anfrage. Die war, zugegeben, auch eine echte Herausforderung: Die südamerikanische Designerin wollte die filigranen Kunstobjekte, die sie aus Papier fertigt, in Porzellan umsetzen. Aus Papier mach’ weißes Gold. Klingt unmöglich.

Denn die Vasen, Teller und Schalen, sie sollen ja nicht nur geknickt sein wie die Modelle aus Papier. Sondern sich gleichzeitig so anfühlen. „Die geknickten Formen und die Papierhaptik – das war die Herausforderung“, erzählt Ingrid Harding, die in der Porzellan-Manufaktur Nymphenburg für die Entwicklung neuer Produkte zuständig ist. Und damit auch dafür verantwortlich, dass Gurvichs Traum Wirklichkeit wurde.

Denn nachdem die in Paris lebende Künstlerin vergeblich in den großen französischen Manufakturen angefragt hatte, gab sie nicht etwa auf. Im Herzen ganz die leidenschaftliche Südamerikanerin blieb sie stur – und fand schließlich ein kleines Atelier irgendwo in Frankreich, das einige ihrer Objekte in Porzellan umsetzte. „Ruth ist sehr anspruchsvoll, sie hat dieses kleine Atelier ziemlich wahnsinnig gemacht“, erzählt Ingrid Harding und lacht. Doch es gelang. Die Objekte waren so gut, dass sie auf der „Maison & Objet“, einem der wichtigsten Branchentreffs für Inneneinrichtung und Dekoration, in Paris ausgestellt werden konnten. Das Kuratorium der Nymphenburger Porzellan-Manufaktur sah sie – und wusste gleich: Das wollen wir machen.

Minimale Nachbearbeitung: Um die papierartige Oberfläche nicht zu zerstören, darf Industriekeramiker Tobias Schmidt-Reitwein die Vasen nur geringfügig korrigieren.

„Und so kam sie zu uns“, schließt Harding, die mit Schürze in ihrem Atelier am Schloss in München sitzt und schon an den nächsten Entwürfen von Gurvich tüftelt. Die Kooperation, die sie vor nunmehr fast zwei Jahren eingegangen sind, sie ist ein Glücksfall. Für beide Seiten.

Wer dieser Tage in den Ausstellungsraum der Manufaktur am Schlossrondell geht, muss schon genau hinschauen, um zu erkennen, was Papier und was Porzellan ist. So sehr gleichen die feinkeramischen Kunstobjekte und Service-Teile der papierenen Vorlage.

„Biskuitporzellan“ heißt der Werkstoff, aus dem der eine Teil der Designserie von Gurvich hergestellt ist. Unglasiert, die Oberfläche rau und maserig, dünn wie ein Bütten-Briefbogen. Wie geht das?

Da schmunzelt Harding. „Tja, das ist unser Geheimnis.“ Eine sehr renommierte Firma fange schon an, sie zu kopieren. „Die haben es ziemlich gut, ziemlich frech kopiert, doch sie haben Produktionsprobleme“, erzählt Harding, die sich darüber richtig ärgern kann – über Designer, die keine eigenen Ideen hätten und stattdessen die von anderen klauten. Schließlich steckt ein zweijähriger Entwicklungsprozess hinter all den kostbaren Objekten nach Entwürfen von Gurvich, die es nun in Nymphenburg zu kaufen gibt.

So viel sei verraten: Die Objekte werden gegossen. Damit aber die Oberfläche so ist, wie die Vorlage aus Papier, darf die Form keinerlei Fehlstellen aufweisen. „Alles muss beim Abformen perfekt sein. Denn es gibt keine Möglichkeit der Korrektur. Wenn eine Macke in der Form drin ist, dann ist sie im gegossenen Objekt ebenso drin“, betont Harding. Löchrige oder unsaubere Stellen mit Porzellan aufzufüllen, das geht nicht, weil dann die besondere Textur, die papierartige Oberflächenstruktur zerstört wird. Wie ein Tintenklecks auf einer fein geschriebenen Grußkarte.

Bereit zum Brennen: Die Vasen stehen nach dem aufwendigen Gießen und Nachbereiten zum nächsten Verarbeitungsschritt bereit. Das Gussverfahren wurde zwei Jahre lang in einem komplizierten und – Obacht Konkurrenz! – streng geheimen Entwicklungsprozess erarbeitet. Auch die Porzellanmasse hat schon eine lange Lebenszeit hinter sich: Zwei Jahre lagert die Mischung vor der Verarbeitung, damit das Material noch feiner wird.

Das größte Problem also lautete: Wie bekommt man eine solch perfekte Form hin? Noch dazu bei so einer dünnen Vorlage – aus Papier, einem Werkstoff, der in sich nicht so fest, nicht so statisch ist wie beispielsweise Stein- oder Holzobjekte. Die Lösung: trial and error – Versuch und Irrtum. Ingrid Harding vergleicht solche ganz neuen Herstellungsprozesse, die sie mit ihren Kollegen durchführt, gern mit dem Erlernen eines Musikstücks. „Man probiert und probiert, mal gelingt’s, mal gelingt’s nicht. Und so heißt es: immer weiter üben.“ So lange, bis es sitzt.

Außen biskuit – innen glasiert: Der Innenraum der Vase wird in der Dreherei bis in jede Falte hinein geglättet.

Die Nymphenburger sind das ja gewohnt. Seit Gründung der Manufaktur vor 267 Jahren arbeiten sie regelmäßig mit Designern zusammen, die hier ihre Entwürfe verwirklichen können. Herausforderungen ausdrücklich erwünscht. „Weil wir uns als Ziel gesetzt haben, unsere Grenzen immer weiter auszutesten. Immer mit der Frage im Hinterkopf: Wo geht Nymphenburg hin und welche gestalterischen Herausforderungen wagen wir?“, sagt Elke Doppelbauer, Leiterin des Marketings. Ruth Gurvich ist so eine Herausforderung. Sie steht damit in einer Reihe von Künstlern wie Vivienne Westwood, Wim Delvoye oder Clemens Weisshaar. Sie alle entwarfen für Nymphenburg wie einst Franz Anton Bustelli, Schöpfer der Commedia-dell’ arte-Figuren, mittlerweile Klassiker des Nymphenburger Porzellans – im 18. Jahrhundert aber eine Provokation: „Wenn wir heute die Commedia-dell’arte-Typen betrachten, können wir uns kaum vorstellen, für welchen Zündstoff sie in ihrer Zeit gesorgt haben. Sie sind ja extrem kokett“, sagt Doppelbauer. Und genau so solle es bleiben: „Wir haben immer Regeln gebrochen, Sehgewohnheiten, das, was man schon kannte im Porzellan. Die Arbeiten von Frau Gurvich sind ein weiteres Beispiel dafür.“ Dass die Umsetzung der ungewöhnlichen Entwürfe trotz aller Kniffeleien am Ende immer gelingt, liegt neben dem handwerklichen Geschick und der Expertise der oft Jahrzehnte langen Mitarbeiter der Manufaktur zu einem entscheidenden Teil an dem vorzüglichen Porzellan. Als letzte Reinstmanufaktur weltweit wird in Nymphenburg tatsächlich noch mit handgemachtem Material (Mischung Kaolin, Feldspat und Quarz), nicht mit Industrie-Porzellanmasse gefertigt.

Die Objekte aus Gurvichs Reihe, die aus Biskuitporzellan gefertigt werden, werden gegossen, bildhauerisch nachbearbeitet, gebrannt und schließlich bemalt. Das mit der Bemalung geht hier verhältnismäßig „einfach“. Nur Zahlen und Linien zieren die schlicht gehaltenen Vasen und Kannen. Wie eine Zeichenvorlage, nach der gefaltet wurde. Die glasierten, weniger papierartigen Objekte, den zweiten Teil der Designreihe, schmücken japanische Berglandschaften. Sie zu malen, braucht etwa viermal so lang. Die kleinen Bäumchen, rote traditionelle asiatische Häuser, der blaue Himmel – all das passt wunderbar zu den in ihrer Origami-Art ebenfalls asiatisch angehauchten Biskuitporzellan-Gefäßen.

Letztlich, so Ingrid Harding, hätten die Franzosen wahrscheinlich Recht gehabt. Wer viel Geld machen möchte, wem es nicht um die Kunst geht, der sollte sich auf solche Experimente nicht einlassen. Die Nymphenburger haben es getan. Das Ergebnis ist wie immer ein Genuss.

Japanische Berglandschaft: Ähnlich wie die Origami-artige Form erinnern auch die Malereien an Asien.

„Lightscape“ ist in der Porzellan-Manufaktur am Münchner Schlossrondell 8, im Geschäft am Odeonsplatz 1 oder im online-Laden zu kaufen. Das günstigste Stück ist ein unbemaltes Biskuitporzellan-Schälchen zu 75 Euro, mit Zeichnung kostet es 95 Euro. Die Teekanne kommt mit Zeichnung auf 860 Euro, ohne auf 690 Euro. Die auf unseren Fotos abgebildete Karaffe in Weiß kostet 230 Euro, mit Zeichnung 290 Euro.

Katja Kraft

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