Porzellan-Pavillon

- Das Wienerische ist ihm nicht fremd. Als Swarowsky-Schüler hat Zubin Mehta es aufgesogen, und an der reifen Frucht darf sich das Münchner Publikum erfreuen. Nachdem das Bayerische Staatsorchester und Mehta mit der Dritten von Mahler, hier wie in Fernost, gefeiert wurden, ließen sie am Montagabend im zweiten Akademiekonzert im Nationaltheater "Das Lied von der Erde" folgen.

Davor gespannt hatte Mehta Schuberts h-moll-Symphonie, die so genannte "Unvollendete". Ob sie es denn nun ist oder nicht, darüber mag sich die Musikwissenschaft auch in Zukunft streiten, das Publikum liebt sie - fertig. Auch wenn Mehta das Staatsorchester in - historisch nicht korrekter - dicker Besetzung antreten ließ, das Resultat überzeugte, war zwar von Schönklang geprägt, neigte aber nicht zur Verfettung. Aus dem dunklen, geheimnisvollen Beginn modulierte Mehta in sanften Übergängen ein organisch wachsendes Allegro, dem das Andante als Fortschreibung folgte. Hinter aller Kantabilität schwang die Zerrissenheit mit, in ausgewogenen Klang-Proportionen, die das Wehe wie das aufbrausend Dramatische signalisierte.

Gleich der erste Gesang in Mahlers "Lied von der Erde" ist ein orchestraler Frontalangriff auf den meist armen Tenor. Am Montagabend war er's nicht. Denn mit Robert Dean Smith stand ein Sänger auf dem Podium, der mit seinem hellen, immer belcantistisch schmiegsamen Tenor den gewaltigsten Wogen lächelnd trotzte. Dabei absolvierte er die anstrengenden Höhen-Sprünge treffsicher und lieferte den Text fast lückenlos. Kein Wunder, dass nach diesem Entree die folgenden Lieder locker gelangen, er mit lyrischer Geschmeidigkeit vom weißen Porzellan-Pavillon erzählte und mit vitalem Überschwang forderte: "Lasst mich betrunken sein!"

Als Einspringerin für die erkrankte Marjana Lipovsek wirkte die junge Nadja Michael noch etwas überfordert. Ihr in der Tiefe satter Mezzo fließt nicht bruchlos und neigt zu starkem Vibrato. Schade, dass sie in ihren Liedern keine Linie entwickeln konnte. Da Mehta mit dem Staatsorchester (den extrem geforderten und imponierenden Holzbläsern) die ganze Farbpalette - mit ihren exotischen Anklängen - auffächerte, gelang es ihm auch hier, die vermeintliche Wein- und Walzer-"Seligkeit" abstürzen zu lassen - in Mahlers Weltverlorenheit, die Schubert fortschreibt.

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