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Als Dirigent kein unbeschriebenes Blatt: Joseph Bastian (34), hier bei der Probe im Gasteig.

Spektakuläre Aktion im Münchner Gasteig

„Ein bisschen verrückt“

Das gab es beim BR-Symphonieorchester noch nie: Posaunist Joseph Bastian springt als Dirigent ein

Absagen gehören zum Konzertgeschäft dazu, davon kann mancher Fan ein leidvolles Lied singen. Auch beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist unter Garantie der Puls steil nach oben geschnellt, als Dirigent Robin Ticciati die erste Probe für die Konzerte in dieser Woche wegen eines Bandscheibenvorfalls abbrechen und schließlich sogar alle drei geplanten Auftritte streichen musste. Der Name des Einspringers dürfte für viele eine Überraschung sein – vor allem aber für Joseph Bastian selbst.

Am Montagabend, beim Essen mit der Familie, die zufällig in München zu Besuch ist, kam auf einmal der Anruf von Orchestermanager Nikolaus Pont mit der Frage, ob er sich vorstellen könne, kurzfristig den Taktstock zu übernehmen. Ein Angebot, bei dem der gebürtige Franzose nicht lange überlegen musste und mutig ins kalte Wasser sprang. „Man muss wahrscheinlich ein bisschen verrückt sein, um da ja zu sagen. Aber so eine Chance kann man einfach nicht ablehnen.“

Die Stücke kannte der 34-Jährige zwar, nur hatte er sich bis zu dieser Sekunde eher darauf eingestellt, das Programm wie sonst auch hinten rechts auf dem Podium in seiner Funktion als Posaunist des Orchesters zu bestreiten. Neben dieser Festanstellung nimmt jedoch schon seit einigen Jahren auch das Dirigieren einen immer wichtigeren Platz in seinem Terminkalender ein. Mit dem Abaco-Orchester der Münchner Universität, dessen Leiter Bastian seit 2011 ist, führte er etwa vergangenes Jahr im ausverkauften Gasteig Mahlers zweite Symphonie auf und ließ jüngst Prokofjews fünfte folgen. Daneben gab es auch mit den BR-Kollegen immer wieder Konzerte in Kammerbesetzung. „Und ich durfte beim Gastspiel in Luzern 2015 sogar schon bei einer Anspielprobe kurz ans Pult. Spätestens seitdem wissen alle, dass ich auch dirigiere.“

Mit dem eigenen Orchester jedoch gleich drei Abende am Pult zu bestreiten, ist aber eine völlig andere Situation. „Am Abend vor meiner ersten Probe war ich ziemlich nervös“, gibt Joseph Bastian zu. „Doch die Kollegen waren alle sehr wohlwollend und haben mich nach besten Kräften unterstützt. Dieser Rückhalt gibt einem viel Sicherheit. Trotzdem war es davor eine eher kurze Nacht, die ich hauptsächlich mit dem Lernen der Partituren verbracht habe.“ Vor allem die „Sieben frühen Lieder“ wollten gelernt sein. „Großartige Musik“ von Alban Berg sei dies, freilich alles andere als einfach, weil man genau zuhören und die Solistin, in diesem Fall Sally Matthews, begleiten müsse. Elgars „Enigma-Variationen“ kannte Bastian schon aus der Posaunensicht. „Aber auch da fehlen einem noch gut 40 andere Stimmen, die man als Dirigent mit im Auge haben sollte.“ Und um die ganze Situation für den Retter gleich noch etwas kniffliger zu gestalten, war schon der zweite Durchlauf eine öffentliche Probe vor rund 700 Schülern. Die hatten sich im Rahmen des Nachwuchsprogramms mit den Stücken beschäftigt, um nun den Profis über die Schulter zu schauen.

Auch das sieht Joseph Bastian relativ gelassen. „Da muss man einfach darauf hoffen, dass das Adrenalin nach oben schießt und seine Wirkung tut. Mehr Proben wären natürlich immer gut, um noch mehr auszuprobieren, aber es ist einfach ein großartiges Orchester. Ich bin da vielleicht etwas befangen, weil es meines ist, aber mit ihnen zu musizieren macht unglaublichen Spaß. Ein kleiner Traum, der in Erfüllung geht.“ Und wer weiß: Vielleicht begegnet man Joseph Bastian ja demnächst einmal regulär am Pult. Er wäre nicht der erste junge Dirigent, für den ein Einspringen den Durchbruch bedeutet.

Von Tobias Hell

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