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Als Bass-Posaunist kam Joseph Bastian 2004 zum BR-Symphonieorchester, jetzt nabelt er sich endgültig ab und wird Dirigent.

UNGEWÖHNLICHE MUSIKERKARRIERE

Joseph Bastian: Vom Posaunen- ans Dirigentenpult

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„Ich mache keine halben Sachen“, sagt er - und stellt die Posaune endgültig in die Ecke. Joseph Bastian gibt seine Stelle beim BR-Symphonieorchester auf und wird Dirigent.

Ein Sprung ins kalte Wasser? Dafür hat sich Joseph Bastian in seiner Zweitkarriere bereits zu viele Lorbeeren erarbeitet. Und nun ist endgültig Schluss beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Der 36-jährige Franzose, verheiratet, zwei Kinder, gibt zum Ende diese Saison seine Posaunen-Stelle auf und wird Dirigent. Ohnehin hat er schon sieben Jahre lang das Münchner Abaco-Orchester geleitet. Richtig bekannt wurde er auf dem Klassikmarkt aber im Februar 2016 durch sein kurzfristiges Einspringen bei „seinem“ BR-Ensemble.

Seit 2004 sind Sie Posaunist beim BR. Da sagen bestimmt viele: Wie kannst du so eine Stelle aufgeben? Bist du verrückt?

Bastian: Damals  hatte sich für mich ein Traum mit dieser Stelle erfüllt. Aber irgendwann musste ich mich eben entscheiden. Natürlich gibt es ein gewisses Risiko, weil man sich als Dirigent  erst etablieren muss. Aber momentan läuft es gar nicht schlecht. Zwei Dinge waren an der endgültigen Entscheidung fürs Dirigieren schuld, das war das Einspringen beim BR und im selben Jahr der Neeme-Järvi-Preis.

Wie plötzlich kam dieser Entschluss?

Bastian: Schon als Jugendlicher wollte ich Dirigent und Komponist werden. Ich hatte damals tatsächlich viel komponiert, die theoretischen Grundlagen hatte ich in Frankreich gelernt. An den dortigen Konservatorien ist das sehr früh möglich. Als ich dann in Deutschland studierte, hatte ich dafür schon viele Grundlagen mitgebracht. Ich habe Cello und Posaune gespielt, bald fiel die Entscheidung fürs Blasinstrument. Und jetzt fürs Dirigieren.  Letztlich lernt man es erst, wenn man vor einem Orchester steht. Da waren meine sieben Jahre beim Münchner Abaco-Orchester ideal.

War dann die Posaune ein Umweg, weil Sie erst jetzt  sagen  können:  Ich bin musikalisch daheim?

Bastian: Ein Umweg war das nicht. Eine gewisse musikalische Reife ist ja für den Dirigentenberuf die Voraussetzung, und die kann man auch als Posaunist im Orchester bekommen. Wenn ich weiter Posaune spielen würde, wäre ich sicher so glücklich wie jetzt. In erster Linie mache ich gern Musik. Mir war als Dirigent des Abaco-Orchesters anfangs nicht klar, ob ich wirklich dafür gemacht bin.

Und  während Ihrer Zeit beim BR haben Sie durchs Zuschauen gelernt.

Bastian: Genau. Mich hat einfach interessiert, wie die Kommunikation funktioniert oder warum es bei manchen Dirigenten nicht so gut läuft. Es ist unglaublich faszinierend, wie unterschiedlich ein Orchester unter den jeweiligen Dirigenten klingen kann. Ein fast unerklärliches Phänomen. Mariss Jansons spricht immer von der „kosmischen Ebene“ beim Dirigieren. Ich kann’s nicht besser beschreiben.

Was  hat er zu Ihrer Entscheidung gesagt?

Bastian: Er hat mich schon früh unterstützt, da ich als Assistent tätig sein durfte. Als er mich das erste Mal am Pult sah, hat er ein paar sehr nette Worte über mich gesagt. Ich glaube, er findet meine Entscheidung gut. Andererseits ist er nicht begeistert davon, dass er einen Bass-Posaunisten verliert.

Woran mussten Sie am meisten arbeiten?

Bastian: An der Schlagtechnik. Musikalische Ideen haben sich schon über die Jahre entwickelt. Aber diese umzusetzen, mit so wenigen Bewegungen und Erklärungen wie möglich und trotzdem präzise, diese Effizienz in der Körpersprache zu bekommen, ist schwer.

Ob Ihre Entscheidung anders ausgefallen wäre, wenn Sie nicht in so einem Promi-Orchester mit einem entsprechenden Status gespielt hätten?

Bastian: Kann sein. Mein Einspringen 2016 wurde schon sehr beachtet, auch weil ich mit Robin Ticciati einen prominenten Dirigenten vertreten habe. Vielleicht wäre alles anders verlaufen, wenn ich Geiger oder Cellist gewesen wäre.

Hat ein Dirigent, der vorher Orchestermusiker war, bessere Voraussetzungen, als einer, der rein über die Klavierschiene kommt?

Bastian: Eindeutig ja, weil man psychologische Abläufe im Orchester kennt. Die sind immer gleich, egal, auf welchem Niveau das Ensemble spielt. Aber: Wie man das übersetzt in die Arbeit als Dirigent, weiß man noch nicht. Das heißt natürlich nicht, dass ein Dirigent mit Klavier-Hintergrund nicht lernen kann, diese psychologischen Abläufe zu spüren.

Was hat Sie an Dirigenten am meisten genervt?

Bastian: (Lacht.)Wenn ein Dirigent zu uns kommt und keine Idee vom Stück hat. Wenn er nicht weiß, was er mit dem Orchester proben soll. Eine schlechte Schlagtechnik kann von einem guten Orchester kompensiert werden. Wir können ja meistens das Stück. Der Dirigent muss nur etwas damit anfangen können und etwas draufsetzen. Wenn die Musik nicht erfüllt wird, gibt es Frustrationen.

Was haben Sie sich nun als Erstes vorgenommen?

Bastian: Ich  bin  an dem Punkt, an dem ich testen muss: Was passt zu mir? Welche Stücke kann ich am besten? Die Musik, die ich liebe, ist ja nicht unbedingt die, in der ich derzeit am besten bin.

Welche lieben Sie denn?

Bastian: Wagner, Bruckner, Schubert zum Beispiel. Und bei Beethoven ist das Problem: Egal, wie man ihn macht, es ist immer falsch. Ganz heikel – aber auch ganz gesund, wenn man was zu kauen hat.

Spielen Sie noch weiter Posaune?

Bastian: Nein, keine Zeit, leider. Ich mag keine halben Sachen. Die Muskeln dafür werden zu schwach. Ich kann einfach nicht mehr genug üben. Außerdem macht Üben ohne Ziel keinen Spaß. Ich muss viele Partituren lernen. Den ganzen Sommer über Noten futtern, auch Literatur über die Komponisten lesen, das reicht.

Immerhin können Sie als Dirigent wesentlich länger aktiv sein. Gerade beim BR haben Sie es ja oft mit der Ü-80-Generation zu tun.

Bastian: Eben! Als Dirigent hört man in der Regel nicht auf. Außerdem: Der beste Ort, um Musik zu machen und um in ihr zu sein, ist das Podium. Das hat sicher mit Sucht zu tun, aber die hatte ich vorher schon. Ich bin jetzt eben auf eine härtere Droge umgestiegen.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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