Die "Poschi" ist tot

- Die "Poschi" ist verschwunden. Lebendig blieb die legendäre Münchner Villa der Familie Thomas Mann am Isarufer des Bogenhausener Herzogparks (damals Poschingerstraße 1) in der Erinnerung, gespeist von Fotos, Anekdoten, Dokumenten, Brief- und Tagebuchstellen; später durch das Fernsehen.

 Für "Die Manns - Ein Jahrhundertroman" von Heinrich Breloer wurde das Haus auf dem Bavaria Filmgelände als Kopie errichtet. Jetzt aber ist die "Poschi", wie sie von der Mann-Sippe liebevoll getauft wurde, endgültig tot: gerade durch die Schein-Rekonstruktion auf ihrem Originalstandort (heute Thomas-Mann-Allee Ecke Poschingerstraße).

Allen Thomas-Mann-Verehrern sei geraten, nur ja nicht mehr dorthin zu gehen. Wer den Zauber authentischer Plätze sucht, wird enttäuscht und erschüttert sein. Denn die Aura ist unter einem durchaus nicht hässlichen, aber insgesamt belanglosen Koloss begraben. Zwar zitiert der auf Betreiben der Stadt München einige architektonische Elemente der ursprünglichen Villa, die Kriegsschäden davongetragen hatte und 1952 abgerissen wurde. "Besuch bei den Fundamenten des niedergelegten Hauses, war bewegt und gedankenvoll", schrieb Mann Ende November '52 ins Tagebuch. Seit 1914 war das Gebäude sein Heim. 1933 wagte er nach einer Vortragsreise nicht, wieder dorthin zurückzukehren, so sehr drohten ihm die Nazis. Sie raubten den Besitz und nutzten ihn als "Lebensborn"-Stätte, also zur Züchtung von arischen Supermenschen.

Nach dem Schleifen der Kriegsruine wurde dort ein Bungalow erbaut, der ab 1996 vergammelte. Dann besaß Florian Haffa, Glücksritter der New-Economy-Luftblase, den Grund. Der Bankier Alexander Dibelius erwarb 2001 schließlich das Gelände. Der Thomas-Mann-Förderkreis war zunächst interessiert gewesen, jedoch finanziell überfordert. Er vermochte nicht, die "Poschi" als Museum auferstehen zu lassen. Hilfen von der öffentlichen Hand gab es nicht. Dibelius, der das Anwesen privat nutzten will, tröstete die Thomas-Mann-Jünger mit einer angeblichen Rekonstruktion.

Jetzt bei der Fertigstellung ist klar, dass es keinen Trost gibt. Die Maßstäblichkeit des alten Entwurfs ist gesprengt (Architekten: Erstantrag 2002 Roger Geiler; ab November 2002 Thomas Dibelius, verwandt mit dem Bauherrn und Architekturprofessor in Siegen). Natürlich gibt es wieder den bauchigen Erker und das Walmdach. Aber eine riesige Terrasse mit wuchtiger, gerader Wand zum Garten hin und Seitentreppen sowie ein von Zusatzterrasse aufgedicktes und von Glasflächen aufgeschlitztes Dach zerbrechen die Proportionen.

Obendrein fehlen die Fensterläden des Originals, die genauso entscheidende Architekturelemente sind wie die Fenster. Auch sie sind aus dem Tritt geraten, der Rhythmus von Mauer- und Fensterflächen stimmt nicht mit dem hübschen Villen-Charakter von 1914 überein.

Wie so manches Privatgebäude heutzutage maskiert sich auch das Dibelius-Haus mit nostalgischen Stil-Stücken. Das kann man verstehen, wenn man so manche optische Grausamkeit aus den letzten 30 Jahren in dessen Nachbarschaft sieht. Trotzdem, die "Poschi" ist tot.

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