Posen, Masken und Klischees

München - Münchner Pinakothek der Moderne: Eine Ausstellung zeigt, wie die Kamera Weibs-Bilder erzeugt.

So muss sie sein - die Frau: wie die Madonna. Aber wie diese Madonna? Gekleidet wie die eitelste Königin. Unnahbar, abwartend selbst gegen das eigene Kind. Zugleich hat sie selbstbewusst und ohne falsche Scham das Mieder für eine Brust geöffnet, um das Baby trinken zu lassen. Und wer genau hinschaut, erkennt mit einem Mal, dass die edle Ausstattung nur billige Kostümierung ist, der Busen Plastik und der dekorative Hintergrund ein räudiger Vorhangfetzen. Die US-amerikanische Künstlerin Cindy Sherman (Jahrgang 1954) hat in ihre großformatige Fotoarbeit möglichst viele Gegensätze hineingepackt. Sogar den, dass sie sich auf ein berühmtes Gemälde von Jean Fouquet aus dem Spätmittelalter bezieht. Der ist seinerseits ziemlich frech: Er malte Agnès Sorel, die Mätresse des französischen Königs Karl VII., als "Maria mit Kind" (1452/55).

Diese Foto-Inszenierung ist der ideale Ausgangspunkt für die sehr anregende Ausstellung mit dem - ungünstigen - (Film-)Titel "Female Trouble" in der Münchner Pinakothek der Moderne. Die Kuratorin Inka Graeve Ingelmann geht von der Tatsache aus, dass Frauen schon bald nach der Erfindung der Fotografie diese Technik für sich entdeckten. Auf diesem Feld war es leichter, aktiv zu werden, als auf dem der traditionellen bildenden Kunst, die die Machos massiv blockierten. Die Leitende Konservatorin für Fotografie und Neue Medien der Staatsgemäldesammlungen zieht in ihrem Konzept für "Die Kamera als Spiegel und Bühne weiblicher Inszenierung" eine Linie von den Bildnissen der selbstverliebten Comtesse de Castiglione aus den 1860er-Jahren bis zu heutigen Videofilmen. Dabei geht es nicht um Äußerungen tränenseliger Jammer-Emanzen, sondern um die Kunst gescheiter, witziger, selbstanalytischer, sarkastischer und auch scharfer Weiber. Indem sie sich um Frauen-Maskeraden kümmern, machen sie zugleich die männlichen, ja die gesamtgesellschaftlichen Verkleidungen sichtbar.

Da die Präsentation rund 150 Jahre mit 180 Werken umspannt, vermag sie außerdem etwas anderes zu vergegenwärtigen: Wie die jeweilig bevorzugten, wirkmächtigen Medien Einfluss nehmen auf die "neue" Darstellung. Die war zwar technisch neu, aber nicht vom Bildaufbau her. Die Revolution fand nicht statt. Die Figuren, in diesem Fall die Frauen, wurden nach den Vorgaben der Malerei, Bildhauerei und des Theaters inszeniert. Das spielten die Castiglione (1837-1899), aufgenommen von Pierre-Louis Pierson, und Lady Clementina Hawarden (1822-1865) durch: zwischen Rache-Furie und Blumenmädchen.

Erst mit der echten Revolution der Kunst hin zur Moderne brachen auch die Fotografinnen die Sehgewohnheiten auf. Diesmal nutzten sie das Medium und dessen Fähigkeiten: Mit ihm kann man irrwitzige Wirklichkeiten etwa durch Überblendungen erzeugen. Das bedeutete zugleich, dass man das Herstellen der Realitäten sichtbar machte. Florence Henri signalisierte das mit ihrem Selbstporträt von 1928. Die Frau ist bis zur Taille zu sehen, in einem fast leeren Raum. Aber nur im Spiegel, der auch die Bodendielen und zwei Silberkugeln wiedergibt. Allerdings stützt sich die Frau auf diese Bretter - wächst sie deswegen unter dem Boden hervor?

Auf der Basis der kunsthistorischen und durchaus feministischen Erfahrung des Verschwindens und Auftauchens in Rollen, Masken, Klischees arbeiten die Künstlerinnen bis heute; inklusive einige Künstler, wie die Schau zeigt. Geschlechts-Stereotypen bilden Identität - und zersetzen sie. Deswegen stürzte sich Sherman in den 1970er-Jahren mit ihren vielen kleinen Schwarz-Weiß-Aufnahmen auf Typen: im Alltag von der kessen Biene bis zur armen Schwarzen; im Film von der naturverbundenen Schein-Brigitte-Bardot bis zur einsamen Schein-Marilyn am Bahnhof. Längst hatten Kino sowie Mode-, Glamour-, Werbe- und Klatschpresse-Fotografien die visuelle Macht über die Frauen übernommen. Sherman gebraucht das bis heute ausgiebig und genüsslich als unerschöpfliches Feld für Bizarrerien.

Fast alle Künstlerinnen der Schau wandeln auf den in der surrealistischen Fotografie angelegten Pfaden weiter. Es ist ein ständiges Sich-Reiben an Deformation und Formation von Ego und Geschlecht. Mathilde ter Heijne (1969 geboren) fängt das in einem beklemmenden Videofilm ein. Die Rollen-Deformation endet in einem Selbstmord an der Doppelgängerin-Puppe. Dieses Gefangensein in "Schubladen" zeigen auch ihre Postkarten-Ständer - im Angebot: Frauen als völkerkundliche Objekte. Pipilotti Rist zelebriert in ihrem Film das heitere Gegenteil. Mädchen im Tüllkleidchen mit Blümchen - ist überhaupt nicht brav.

17. Juli bis 26. Oktober,

Tel. 089/ 23 80 53 60; Katalog, Hatje/ Cantz: 34 Euro.

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