Posen, Pathos, Pasolini

- "Norma ist in vieler Hinsicht wie ich. Norma erscheint vielleicht stark, manchmal sogar grausam, aber in Wirklichkeit ist sie ein Lamm, das wie ein Löwe brüllt." Fast 90 Mal war Maria Callas (1923-1977) dieses Lamm. Und der letzte Raum der Ausstellung erinnert an jene Bellini-Partie, die sie wie kaum eine andere prägte. Aus den Lautsprechern ertönt, natürlich, "Casta diva". Aus dem Dunkel schälen sich abwechselnd drei Norma-Kostüme: London, 1952; Epidauros, 1960; Paris, 1964. Und auf einmal ist die Assoluta da, als habe sie unbemerkt die kleine Münchner Bühne betreten.

"Norma"-Kapelle

Ein Sakralraum, der zur stillen Anbetung einlädt. Und der (gewollt?) wie ein eigenartiger, aufschlussreicher Kontrast zur aktuellen "Norma" im Nationaltheater wirkt. Doch diese Callas-Kapelle ist das einzige Zugeständnis an den Kult um die Göttin. Denn mit der Schau "Maria Callas oder Die Kunst der Selbstinszenierung" will das Deutsche Theatermuseum ja gerade untersuchen, wie es dazu kam. Bestritten wird sie hauptsächlich mit Fotos aus der Sammlung des Verehrers Giancarlo Tanzi und aus der französischen Nationalbibliothek in Paris.

Sie zeigen in schöner, klarer, unaufdringlicher Hängung ein Leben in Posen. Auf der Bühne als Medea, Tosca oder Violetta. Aber auch privat: die Callas beim Blättern im Klavierauszug. Die Callas, die ihre Bühnenkinder aus "Medea" herzt. Und die Callas, ein verblüffendes Motiv, beim Probieren eines extravaganten Huts, der sie zur modernen Nofretete macht. Umso interessanter sind daher die Momentaufnahmen, wenn sie etwa Leonard Bernstein eine Grimasse schneidet. Wenn sie wie unabsichtlich den behaarten Arm von Franco Zeffirelli umfasst und dabei viel über die komplizierte Beziehung zu dem Regisseur verrät. Oder die seltenen frühen Fotos, als die Callas einige Kilos mehr wog, dabei manchmal attraktiver wirkte als in ihrem fast magersüchtigen Lebensabschnitt.

Auch mit kostbaren Devotionalien wartet die Ausstellung auf (Kuratorin: Gunna Wendt). Neben den "Norma"-Gewändern sind das unter anderem das schlichte "Medea"-Kleid von 1959 oder die rote "Tosca"-Robe (London, 1964) mit Diadem. Ergänzt wird die Schau von einer "Hör-Insel" und Videos. Darunter eines, in dem sich eine Diva im Karriere-Winter über den Belcanto äußert. Am faszinierendsten aber Ausschnitte aus Pier Paolo Pasolinis "Medea"-Film, der zeigt, wie Pathos und Präsenz der Callas auch ohne einen einzigen Sopranton "funktionierten".

Und deutlich wird immer: Trotz aller Posen, aller Selbstinszenierungen blieb die Callas wahrhaftig, glaubhaft. Ein Gesamtkunstwerk, das Privates wie Bühnenleben umfasste. Unvergleichlich, einzigartig, nicht wiederholbar - oder wer kann sich eine ähnliche Ausstellung über eine Kollegin vorstellen?

Ab morgen bis 14. Mai (Galeriestr. 4a), Di.-So. 10 bis 16 Uhr; Buch zur Ausstellung: Gunna Wendt: "Maria Callas. Die Kunst der Selbstinszenierung". Henschel Verlag, Berlin, 192 Seiten; 29,90 Euro.

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