Briefe aus dem Jahr 1895: Autor Roman Sandgruber mit den Schreiben von Hitlers Vater Alois.
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Briefe aus dem Jahr 1895: Autor Roman Sandgruber mit den Schreiben von Hitlers Vater Alois.

Roman Sandgrubers Buch über den Vater des Diktators ist phasenweise spekulativ

Neues über Hitlers Vater Alois

  • Dirk Walter
    vonDirk Walter
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Auch das noch? Ein Buch über Hitlers Vater hat der Wissenschaft gerade noch gefehlt, möchte man spöttisch meinen. Was kommt noch: Hitlers Opa? Hitlers Hund? Nun, die Studie des österreichischen Sozialhistorikers Roman Sandgruber über das Leben von Alois Hitler (1837-1903) ist besser, als der reißerische Untertitel verspricht.

„Wie der Sohn zum Diktator wurde“, beantwortet diese mikrohistorische Studie über die oberösterreichische Lebenswelt des Alois Hitler zwar nicht. Doch wird das Umfeld, in dem der spätere Diktator aufwuchs, umsichtig erläutert. Es gibt freilich Grenzen. Die wichtigste: Als Alois Hitler starb, war Adolf 14 Jahre alt – auf seinen späteren Lebensweg hatte der Vater logischerweise keinen Einfluss. Als die Mutter Klara 1907 starb, war Hitler Vollwaise.

Hitler stammte aus keinem armen Haus, im Gegenteil gelang seinem Vater als Zöllner eine Karriere im österreichischen Staatsdienst. Er heiratete drei Mal – aus der dritten Ehe mit der 23 Jahre jüngeren Klara Pölzl ging 1889 als drittes Kind Adolf hervor. Mittlerweile hatte Alois, der eigentlich Schicklgruber hieß, im Alter von fast 40 Jahren auch seinen Nachnamen geändert – er gab bei einem Notar an, sein Vater sei der längst verstorbene Johann Georg Hiedler. Wie aus Hiedler dann „Hitler“ wurde, kann auch Sandgruber nicht beantworten, er hält schlicht einen Hörfehler des Notars nicht für ausgeschlossen. Die Hitlers zogen sehr oft um, richtig verwurzelt waren sie nirgends. Alois Hitler bemühte sich aber, durch Immobilienkäufe zu etwas Wohlstand zu kommen. Aus privater Hand hat Sandgruber vor einigen Jahren ein Briefbündel erhalten – 31 Briefe zwischen Alois Hitler und einem pensionierten Straßenmeister namens Josef Radlegger. Im Kern ging es darum, dass Alois 1895 ein Bauernhaus in Fischlham südwestlich von Linz kaufte (das er nur eineinhalb Jahre später wieder verkaufte). Aus den Briefen spricht ein zähes Gefeilsche über den Wert der Immobilie und darüber, ob zum Beispiel Agrargeräte im Kauf inbegriffen waren. Sandgruber breitet die Geschichte auf über 30 Seiten aus, sie sind der Kern seines Buches. Über den kleinen Adolf Hitler freilich, damals sechs Jahre alt, sagen diese Briefe gar nichts aus.

Die Einschätzungen zur politischen Sozialisation sind oft spekulativ

Was danach kommt, ist weitgehend spekulativ. Der Autor versucht eine Einschätzung der politischen Sozialisation des jungen Hitler vor dem Ersten Weltkrieg: Religiosität, Nationalismus, Rassenbiologie, ja sogar Dialekt. Mit einiger Plausibilität nimmt Sandgruber (anders als andere Autoren) an, dass Hitler sich schon in seiner Jugendzeit – und vor seiner Zeit in Wien – in der oberösterreichischen Provinz mit Antisemitismus infizierte. Er bewegte sich „in einer Subkultur, die aus Kirchen-, Tschechen- und Judenfeindschaft zusammengesetzt war“. Es versteht sich aber fast von selbst, dass sich Hitler durch Krieg, Revolution und Gegenrevolution erst in der Zeit 1914 bis 1920 entscheidend veränderte – diese Frühzeit, neuerdings durch Bücher des britischen Historikers Thomas Weber und anderer grell beleuchtet, brachte den eigentlichen Nationalsozialisten hervor.

Was Sandgruber bleibt: Er kann aufgrund seines Quellenfunds gewisse Analogien zwischen Alois und seinem Sohn anstellen: Wie später sein Sohn, der Diktator, war Alois ein Autodidakt, der sich sein Wissen aus Vorträgen, Zeitungen und Büchern zusammenschusterte. Beide vereinte eine Sehnsucht nach Bauerntum, sie neigten zu Selbstüberschätzung und fehlender Selbstkritik. Alois Hitlers Briefe waren gestelzt geschrieben – mit Fremdwörtern unterstrich der Beamte seine Überlegenheit. Psychologisch könnte man das als Kompensation von Minderwertigkeitsgefühlen deuten – wie der Vater, so der Sohn?

Das Buch: Roman Sandgruber: „Hitlers Vater“. Molden Verlag, Wien, 303 Seiten; 29 Euro.

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