Postpaket aus Spanien

- Münchens Dance 2002 zum Finale nochmals kompakt. Von der spanischen Performance-Frau La Ribot und dem Franco-Kanadier Daniel Lé´veillé´ bis zu der indisch-britischen Imlata Dance Company und Plan K des Belgiers Fré´dé´ric Flamand - die atmende Skulptur des entblößten Körpers und der digital bildnerisch belebte und erweiterte Raum bestimmten die Szene. Eine "Lange Nacht des zeitgenössischen Tanzes", zum Teil im Haus der Kunst:

<P>Auf dem gefliesten Boden im oberen Stock bald die Spur ihres abgelegten Slips, Tops, eines Stöckelschuhs und diverser Alltagsfetische wie Haarnadel, Uhr, Fächer, Mini-Teddy. . . Dann verschnürt sich die einstige Tänzerin La Ribot von den Fesseln bis zum Kopf als Postpaket. Plus Versand-Schärpe wird sie Miss Welt, wie ein Seestern ausgebreitet auf roten Textilien eine "Bloody Mary". Kunstvolle "Lebende Bilder" _ zur freien Assoziaton _, die jeweiliges Hinwandern erzwingen. Und überhaupt, wie sie da so unberührt kühl ihre Haut durch den Raum trägt, zwingt sie den Betrachter zum Hinsehen _ und damit in die (ja nicht unbedingt persönlich erwünschte) Rolle des Voyeurs. Was man auch als unfair-unangenehm empfinden kann.</P><P>Mehr Distanz im größeren "Theater im Haus der Kunst" bei Lé´veillé´s enthülltem Quartett. Distanz auch durch einen archaisch abweisenden Blick der vier Tänzer. Ein philosophisches Alterswerk in Null-Dekor, das den Tanz herunterschält auf seine schlichteste Urform: auf tragendes Rückgrat und umhüllenden Muskel. In der reduzierten Bewegung _ Höhlenmensch-Sprung, Läuferstart, breite Krieger-Pose _ offenbart sich tatsächlich bewusste Roh-Bildhauerei.</P><P>Und unter der bleichen Haut eine Verletzlichkeit. Wenn Lé´veillé´ uns dazu Vivaldi in Hyperlautstärke auf die Ohren haut, verrät sich da auch große Unsicherheit, die das so fein Erfasste grob zerschlägt und in heroische FFK-Nähe rückt.</P><P>Irisierende Raum-Illusionen bei den anderen beiden Choreographen: Durch Christian Zieglers grüne Lichtbögen und schwebende Astralwesen erfährt das kleine i-camp eine wunderbare Raum-Ausdehnung. Und gleichsam Zeit-dehnend die sanft dahinwallende Choreographie "Trans Avatar" von Jayachandran Palazhy für sich und drei schöne Inderinnen. Der Belgier Flamand geht in der Raum-Illusionierung noch einen Schritt weiter. Klar, mit einem so illustren Duo wie Diller + Scofidio.</P><P>Flamand knallt zwar viel zu viel in sein "Moving Target": mit Messlatten, Lämpchen, Schilden und Riesenhalskrausen (aha: Oskar Schlemmer!) bewehrte Tänzer (jung, fit, brillant) wirbeln in unzähligen Sequenzen über die Bühne. Dazu Text-Projektionen. Musiken noch und nöcher. Aber: der ganze Wahrnehmungsansturm sammelt sich zum Über-Sog durch den riesigen Kipp-Spiegel. Und Bodenaktionen und digitale "Himmels-Spiegelung" beginnen irgendwann alle Sinne zu weiten. Flamands Multi-Kitsch hin oder her _ was für ein Dance-Finale.<BR><BR></P>

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