Power-Kerl mit blauem Bein

- "Titan" im Treppenhaus. Ein hinreißender Empfang durch einen Göttlichen. Die Münchner Galerie Thomas zeigt in einer schön präsentierten Schau Bronzeplastiken von Markus Lüpertz (Maximilianstraße 25; bis 14. 1. '03, Tel. 089/ 29 000 80). Mit schöpferischem Feuer belebt der Künstler (61) die Antike für die Gegenwart. "Apoll" ein Power-Kerl mit blauem Bein. Der "Judith"-Kopf strahlt in all seiner Stille größte Kraft aus. Für manche ist Lüpertz jedoch zu feurig: So verzichteten Augsburgs Stadtväter auf eine "Aphrodite" für den öffentlichen Raum, die sie selbst in Auftrag gegeben hatten.

<P></P><P>Sie zählen zu den Künstlern, die im späteren 20. Jahrhundert zum Inbegriff der Malerei wurden. Was war der Auslöser, Plastiken zu schaffen?<BR>Lüpertz : Ich habe nicht aufgehört zu malen. Aus dem Malen heraus habe ich mich der Skulptur zugewandt. Aber diese Arbeit macht nur ein Drittel aus, zwei Drittel sind Gemälde und Zeichnungen. Für mich war das ganz selbstverständlich; eine Weiterentwicklung meiner malerischen Möglichkeiten. Diese Art von Malerskulptur hat auch Tradition: Picasso oder heute Baselitz. . . <BR><BR>Und wo liegt der Unterschied zu Werken von Bildhauern?<BR>Lüpertz : Die Skulptur von Bildhauern folgt einer anderen Logik. Maler denken immer in Ansichten. Sie setzen stets Flächen gegen die Plastik.<BR><BR>Aber schaffen dennoch eine. Ist das nicht die Quadratur des Kreises?<BR>Lüpertz : Wenn es das ist, dann ist es doch gut.<BR><BR>Aus Ihren Figuren spricht durchaus die Lust am plastischen Arbeiten.<BR>Lüpertz : Natürlich sind das Skulpturen und bleiben es. Aber es gibt eben verschiedenen Wege zur Skulptur.<BR></P><P>Wenn man die Ausstellung hier anschaut, sind Ihre Bezugspunkte vor allem griechische Mythologie und die Bibel.<BR>Lüpertz : Das ist die Kultur, zu der wir gehören. Und sie hat großartige Resultate hervorgebracht. Es lohnt sich, darauf aufzubauen. Themen und Inhalte laufen mit, wenn man sich damit beschäftigt. Aber ich bin kein Illustrator der Geschichten. Die Titel "Apoll" oder "Judith" werden später, wenn die Plastiken fertig sind, hinzugefügt.<BR><BR>Sie nutzen die Vorgaben der antiken Skulptur.<BR>Lüpertz : Das ist eine Wegverkürzung. Die Vielfalt der Möglichkeiten von Standbein und Spielbein ist durchgespielt. Das ist eine Arbeit, die bereits erledigt wurde. Und ich baue darauf auf. Es ist eine Frage der reduzierten Bewegung: der Kontrolle, der Archaik. Ich will kein wild bewegtes Barock. Es geht um die Zerstörung der Harmonie. Die Vergangenheit wird bespielbar für meine Aggressionen, um eine heutige Aussage zu treffen.<BR><BR>Viele Ihrer Figuren strahlen durchaus den sinnlichen Leibesgenuss des Barock aus.<BR>Lüpertz : Wenn Sie das so empfinden: Ich bin kein Knecht einer Idee. Wenn das Sinnliche 'rüberkommt, ist es doch gut.<BR><BR>Die Oberflächenbehandlung Ihrer Skulpturen ist besonders schön; nicht nur durch die Farbe. Es gibt Abdrücke, feine Ritzungen, tiefe Spalten.<BR>Lüpertz : Ich arbeite mit Gips. Der ist sperrig, trocknet schnell. Er fordert Geschwindigkeit - und Aggression. Die Spuren zeugen von Übermut, Verzweiflung, vielleicht Sehnsucht. Ich patiniere selbst, mache überhaupt so viel wie möglich selbst. Und die Bemalung unterliegt dem Zeitzugriff: Im Freien ist die in 30, 40 Jahren weg. Das ist Vergänglichkeit.<BR><BR>Gibt es eigentlich Puristen, die sich über Ihre "Antiken" beschweren?<BR>Lüpertz : Nein. Mein "Titan" wurde in der Glyptothek ausgestellt. Da entwickelte sich so eine Spannung zwischen den Statuen, dass selbst Griechen-Fans den Hut ziehen mussten. Das war einer meiner glücklichsten Momente.<BR><BR>Ihr Werk ist mittlerweile kunsthistorisch kanonisiert: Sie sind ein "Klassiker" geworden.<BR>Lüpertz : Ich kümmere mich relativ wenig darum. Das mag in Teilen zutreffen, in anderen nicht. Dafür bin ich nicht zuständig, das entscheiden andere. Das ist auch ein Ergebnis des Alters, und man versucht das zu verdrängen wie eine Grippe. Mit so einer Bezeichnung wird man auch irgendwie weggestellt. Die sollen mich noch 40 Jahre machen lassen, dann trete ich ab. Ich bin noch nicht am Ende meines Weges.<BR><BR>Wollen Sie über Augsburg sprechen? Dort hat man Ihre "Aphrodite" abgelehnt.<BR>Lüpertz : Die Stadt hat gewonnen. Ich werde Augsburg hassen bis an mein Lebensende. Ich bin persönlich verletzt und beleidigt - nicht wegen der künstlerischen Kritik, die trifft mich nicht -, sondern weil man mich um die Chance gebracht hat, in einem wunderbaren Ensemble von Plastiken präsent zu sein. Der angebliche Widerstand war ein Politikum; zunächst waren die Menschen für die Skulptur. Ich war ja bei den Präsentationen und Diskussionen. Wenn die Stadt diese Kampagne durchgestanden hätte, wäre nach kurzem alles vorbei gewesen. Das war eine populistische, undemokratischen Geschichte. Jetzt geht die "Aphrodite" nach Berlin. <BR><BR><BR></P>

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