Die Prachtkuh des Königs

- Insgesamt zu drei Sitzungen kam König Ludwig III. in die Ainmillerstraße. Dort, mitten in Schwabing, hatte der Maler Julius Graumann sein Atelier. Alle Aufregung um die höfische Etikette war umsonst, der Monarch erwies sich als leutseliger Zeitgenosse. Der Maler und sein Modell unterhielten sich angeregt - über Leutstetten und die dortige Prachtkuh, die später auch gemalt wurde, und über die Uniform Ludwigs, die dem Künstler wenig gefiel.

<P>Er könne sie ruhig übermalen, denn er würde sie auch nicht mögen, soll der König gesagt haben.<BR>Julius Graumann hat diese kleinen Episoden in einer Art Essay schriftlich festgehalten. Das ist das einzige schriftliche Dokument, das es von ihm gibt. Auch das Ludwig-Porträt existiert ebenso wenig wie viele andere Gemälde von ihm. Selbst im öffentlichen Gedächtnis ist der Künstler ausgelöscht. Denn Julius Graumann war Jude. Am 2. Juni 1944 wurde er in Auschwitz vergast.</P><P>Über sein Leben, sein Werk, sein künstlerisches Umfeld ist jetzt im Deutschen Kunstverlag ein Bildband erschienen, in dem Herausgeber und Autor Peter Kertz dem von ihm wieder entdeckten Maler Julius Graumann zu neuen, künstlerischen Ehren verhilft.</P><P>Graumann (1878-1944), der aus einer seit Jahrhunderten in Fürth und Nürnberg beheimateten und von den Nazis ausgerotteten jüdischen Familie stammt, kam 1896 nach München, nahm hier zuerst - als Vorstufe zur Akademie - Malunterricht bei Heinrich Knirr, bei dem sich wenig später auch Paul Klee in die Kunst der Malerei einweisen ließ. Darauf folgten das Studium an der Akademie sowie bei Adolf Hölzel in der Dachauer Schule.</P><P>Graumann macht ziemlich schnell Karriere: 1907 erste große Ausstellungen im Münchner Glaspalast, im Folkwangmuseum, in Nürnberg, Berlin. Porträts, Dachauer Motive, bewegte Großstadtszenen, mit breitem Pinselstrich gemalt - Julius Graumann war ein gefragter Künstler.</P><P>Ende der Zwanziger Jahre ging er nach Berlin. Eine Zeit, die bereits überschattet war vom heraufziehenden Nationalsozialismus. Anlass für Graumann, sich mit dem Thema Emigration zu beschäftigen. Und als seine Tante Carrie Bamberger, die zurückgekehrt war aus Amerika und im Münchner Hotel Vier Jahreszeiten ihre Wohnung hatte, starb, ermöglichte ihm die reiche Erbschaft 1933 die Emigration nach Paris, in die Stadt seiner Maler-Sehnsucht.</P><P>In Auschwitz vergast</P><P>1940 dann Flucht vor den deutschen Truppen an die spanische Grenze, ins so genannte freie Frankreich der Vichy-Regierung Pé´tains. Nur zwei Jahre später wurde der Jude Graumann preisgegeben, durch Internierungslager geschleift, schließlich nach Paris überstellt und von dort am 30. Mai 1944 nach Auschwitz deportiert. Das Ende einer Biografie.</P><P>Peter Kertz - früher Chefdramaturg am Gärtnerplatztheater und an der Münchner Musikhochschule langjähriger Leiter der Opernschule, hat sich nach seiner Emeritierung ganz der Erforschung dieses Künstler-Lebens gewidmet. Warum? "Ich fühlte mich dazu verpflichtet, Nachforschungen anzustellen." Denn der junge Graumann war der Nürnberger Maler-Familie des Autors, insbesondere dem Maler Adolf Kertz, der 1916 gefallen ist, freundschaftlich verbunden gewesen. Für Peter Kertz ist Julius Graumann "ein zu Unrecht vergessener, lange totgeschwiegener Künstler".</P><P>Um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ihn wieder ins Bewusstsein zu bringen, hat Kertz sich auf Recherche begeben überall dorthin, wo er Spuren dieses Malers vermutete. Doch die gibt es so gut wie nicht. Bis auf die Registrierung durch die Gestapo - alles ausgelöscht.</P><P>Auch das Auffinden der wenigen Bilder, die noch existieren, glich einer Detektivarbeit. Sechs davon entdeckte Kertz erst vor wenigen Jahren im Münchner Antikpalast, angeboten von den Nachfahren des Münchner Schneiders Schweiger. Vermutlich hatte Graumann, so Kertz, 1933, bevor er aus Deutschland floh, diese Bilder bei ihm untergestellt - in der Hoffnung, er könne sie bei seiner Rückkehr wieder in Besitz nehmen.</P><P>Peter Kertz: "Die Möglichkeit, dass weitere Bilder auftauchen, besteht durchaus." Das Buch könnte dabei behilflich sein. Sich mit Julius Graumann zu befassen, ist eine künstlerisch so lohnende wie menschlich berührende Begegnung. </P><P>Peter Kertz: "Der Maler Julius Graumann (1878-1944) - Die Wiederentdeckung eines Verschollenen". <BR>Deutscher Kunstverlag, München/ Berlin, 136 Seiten, 29 Euro.</P><P><BR> </P>

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