Prächtige Gotik

- Sie schaut zwar versonnen in die Ferne, die schöne junge Frau mit der Krone, dennoch ist sie ganz da bei ihrem Kind. Maria, als Himmelskönigin in Gold, Rot, Blau und Grün gewandet, ist bescheiden geblieben, ist liebenswürdig trotz ihrer Pracht. Sie weiß um ihre Rolle. Das drückt auf beseelte Weise diese mittelrheinische Madonna (um 1420/30) aus. Und diese Funktion bedeutet, Jesu Mutter zu sein. Deswegen hält sie den Kleinen sorgsam und spielt sogar zärtlich mit seinem Füßchen.

1908 schenkte eine Tante diese "Maria mit Kind" dem Paar Martha und Gerhart Bollert zur Hochzeit. Mit dieser Skulptur wurden die Sammler mit dem "Virus" der mittelalterlichen Plastik infiziert, die zur damaligen Zeit für Käufer überhaupt erst interessant wurde. Ab diesem Samstag begrüßt jene Madonna die Münchner in einer neuen Ausstellungsabteilung.

"Die Sammlung Bollert" steht jetzt in feinen Lettern über dem Eingang des Pavillons an der Ecke Prinzregenten- und Lerchenfeldstraße. Er gehört zum Bayerischen Nationalmuseum, beherbergte aber lange das Design-Museum Neue Sammlung. Die ist nun in der Pinakothek der Moderne untergebracht; und die in Berlin beheimatete Sammlung konnte mit den frei gewordenen Sälen zu uns "gelockt" werden. Denn Liselotte Bollert, die Schwiegertochter, 2004 schon 94 Jahre alt, wollte die Kollektion als Einheit erhalten wissen. Mit dem Nationalmuseum und dem Freistaat wurde sie im Juli vergangenen Jahres einig; vier Wochen später verstarb die energische Verwalterin des Schatzes.

Wohnen mit Kunst

Die Schau zeigt rund 130 Exponate - die Krieg und deutsche Teilung überlebt haben - in den Sälen, deren große Fenster und gewölbte Decken wieder zu sehen sind. Das Team um Direktorin Renate Eikelmann will die Plastiken nicht rein museal präsentieren, sondern auch einen Eindruck von Bollerts Alltag mit den Kunstwerken vermitteln. Deswegen ließ man sich von Architektin Anna Baldi matte Messing-Hintergründe und Sockel bauen, die eine gewisse Wohn-Wärme signalisieren, allerdings wie Inseln immer eine Skulptur oder Gruppe umschließen. Das ist gewöhnungsbedürftig - genauso wie die Vitrinen in einem Raum, die mit roten Seidentapeten ausgeschlagen wurden. Der Museums-Villa-Zwitter atmet durchaus die kuriose Atmosphäre, die auch die Fotos von Bollerts Villa Gebauer ausstrahlen. Sympathisch daran: Kunst hat nicht die Aura von Unantastbarkeit, sondern ist selbstverständlicher Lebenspartner.

Was aber neben diesem Flair wirklich zählt, sind die spätgotischen Figuren (großteils Schenkungen). Sie stammen vor allem aus dem süddeutschen Raum sowie aus dem Niederrheinischen, den Niederlanden oder Italien. Ganz großartig - natürlich - Riemenschneider und seine Werkstatt, etwa der "Gnadenstuhl" (um 1500): Die Gesichter der Männer, und wie Gottes Hände den toten Körper seines Sohnes stützen, ihn hochziehen, wie die Arme und Hände des Leichnams herabgleiten, die Beine verdreht nachschleifen - das versinnbildlicht mit tiefster Durchdringung das Opfer, das Gott den Menschen schenkt. Neben dieser fränkischen Innerlichkeit nimmt sich die bühnenhaft inszenierte "Heilige Sippe" (Niederbayern, um 1520) schon fast "barock" aus. Maria, Jesus und ihre Mutter Anna dominieren; die Herrn, Annas drei Männer und Josef (alle später auf den Spruchbändern falsch bezeichnet), dürfen bloß über einen goldenen Vorhang schauen.

Tel. 089/ 21 12 42 16; Katalog, Hirmer: 27,50 Euro.

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