Prämien fürs Ableben über 60

- "Mein Vater hatte bloß einen Systemabsturz, er muss wieder hochgefahren werden", sagt lapidar Hippolytos über König Theseus. So ist die Antike angekommen in der Gegenwart. Banal und undramatisch. In der Reihe "Young Directors Project" der Salzburger Festspiele hatte "Phaidra" Premiere, eine Übertragung des mythologischen Stoffes in unsere Zeit von István Tasnádi.

Phaidra liebt verbotenerweise ihren Stiefsohn Hippolytos. Ehemann und Vater Theseus, offiziell noch Athens Regent, liegt seit drei Jahren im Koma. Die Gattin würde gern den Strom abschalten, der 20-jährige Königsspross ist dagegen. Jedenfalls so lange, bis er sich - schmackhaft gemacht durch seinen Diener Sauros - mit dem Gedanken des Regierens anfreundet.

Da verspricht er kühn in seinem jugendlichen Leichtsinn, das Land aus wirtschaftlicher Lethargie und Kostenfalle herauszulotsen: "Das Sterben der Alten werde ich subventionieren und einen Preis aussetzen für jeden über 60, der stirbt."

Doch plötzlich erwacht der scheintote Papa: ein Mann von gestern, der sein Regiment von vorgestern weiterführt, die Jugend opfert, seinen Sohn. Und weil das nichts weiter ist als das alte Lied, ist Theseus hier auch eine Gesangspartie, von István Rácz mit schönem Bariton nicht ohne Ironie zelebriert. Zum Singspiel wird die in deutscher und in ungarischer Sprache gebotene Aufführung durch den Drei-Mäderl-Chor - zwischen modernistischem Kunstgesang und Background-Girls-Geplärre.

Warum nicht die antike Familien- und Liebestragödie ins heute transportieren? Warum nicht nach den Parallelen zur Gegenwart suchen? Warum nicht die alte Geschichte neu erzählen aus der Sicht der Jungen? Das ist der Lauf der Welt und also des Theaters. Da ist jeder Versuch aller Ehren wert. Der "Phaidra" des jungen Ungarn aber fehlt's an dramaturgischer Finesse. Randvoll packt er sein Stück mit sämtlichen Themen, die sich aktuell auf dem Markt der Zeit befinden - von der Sterbehilfe übers Wirtschaftswachstum zum Generationenkonflikt bis zu den Wechseljahren einer Frau.

Hübscher Schmerzensmann

Womit wir bei Phaidra wären, in sich gekehrt, lauernd, intensiv gespielt von Dorottya Udvaros. In gelben Unterhosen präsentiert Christophe Gawenda seinen Hippolytos als hübschen Schmerzensmann, als verklemmtlaschen Brutalo, der die geplante Vergewaltigung der Mutter nur filmen, nicht aber ausführen kann. Das erledigt für ihn Kraftprotz Sauros (Ferdinand Dörfler).

Mit diesem albernen So-tun-als-ob landet die Inszenierung des hoch gehandelten, ungarischen Jungregisseurs Á´rpá´d Schilling letztlich doch nur als ein postpubertäres Spiel. Was vielleicht als Provokation gemeint war - etwa die Geranienkästen als Synonym fürs bürgerliche Schaufenster, durch das das Publikum voyeuristisch hineinlugt ins schändliche Triebtreiben der Familie Theseus -, verpufft nur zu schnell durch den Regie-Versuch, die sexuellen Neurosen des Machos Sauros in platte, doofe Handlung umzumünzen. Befriedigung durch die Blume.

Noch heute, 20 Uhr, im Salzburger republic. Karten: 0043/ 662/ 80 45 600.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Jansons zum Konzertsaal: „Ich bin noch nicht beruhigt“
Der Architektenwettbewerb ist entschieden, ab 2018 könnte gebaut werden. Doch wie soll das Münchner Konzerthaus geführt werden? Dirigent Mariss Jansons denkt an eine …
Jansons zum Konzertsaal: „Ich bin noch nicht beruhigt“
Hisham Matar und sein schwieriges Vater-Land
Hisham Matar erzählt in „Die Rückkehr“ von seiner Heimat Libyen und von der Suche nach seinem Vater, der von Gaddafis Schergen entführt wurde. Dafür wird der Autor in …
Hisham Matar und sein schwieriges Vater-Land
Der Höllen-Glöckner von AC/DC
Zusammen mit seinem Bruder Angus gründete Malcolm Young 1973 AC/DC und schrieb Rockgeschichte. Jetzt ist der Gitarrist nach langer Krankheit im Alter von 64 Jahren …
Der Höllen-Glöckner von AC/DC
Marilyn Manson in München: Wie Luzifer auf dem Thron
Trotz eines gebrochenen Beins tritt Marilyn Manson in der Münchner Zenithhalle auf. Dort bietet er seinen Fans eine kurze, aber wohl unvergessliche Show - bis die …
Marilyn Manson in München: Wie Luzifer auf dem Thron

Kommentare