Pralles Gruselkabinett

- Wer schlägt sich nicht gerne auf die Seite der Underdogs, der Außenseiter und Verlierer? Der Loser macht einen sympathischen Helden. Außerdem: Wenn einer am Boden liegt, kann es nur noch besser werden, die Aussichten auf Rettung sind also nicht schlecht - optimistisch gedacht. Vernon Gregory Little ist ein solcher Held, der überaus gut zur Identifikation taugt, er könnte der literarische Charakter des Jahres werden.

<P>Erfunden hat ihn DBC Pierre für seinen Roman "Jesus von Texas", und ihm ist damit ein überraschendes Meisterstück gelungen. Etwas Trubel hat die Verleihung des Booker Preises an Pierre, dieser renommiertesten englischen Literaturauszeichnung, ausgelöst. Es ist sein Debüt als Autor, und was Pierre vor seiner Schriftstellerkarriere getrieben hat, ließ so manchen Kritiker an der Wahl der Jury zweifeln. Drogen, Glücksspiel, Schulden, die Dreieinigkeit des gesellschaftlichen Sumpfes kennzeichnet den Lebenslauf des gebürtigen Australiers, der zum großen Teil in Mexiko und Texas gelebt hat. Diese Zeiten scheinen vorbei zu sein, und der Erfolg des Buches spült Geld in die Kassen seiner Gläubiger. "Dirty But Clean" bedeutet das Kürzel in seinem Namen - eigentlich heißt er Peter Finlay - und es soll wohl darauf hindeuten, dass er dem Dreck entkommen ist.</P><P>Doch er kann darüber schreiben. In "Jesus von Texas" porträtiert er die Freakshow einer Gesellschaft, ein pralles Gruselkabinett direkt aus dem Herzen Texas', der Kleinstadt Martirio. Heiße, staubige Luft, Ölpumpen und eine Barbecue-Restaurantkette prägen das Bild, die Einwohner der Stadt scheinen zum größten Teil weiblich, übergewichtig und nur daran interessiert zu sein, wann der neue, größere und modernere Kühlschrank geliefert wird. Martirio ist die groteske Version eines amerikanischen Stereotyps, die Hölle auf Erden. </P><P>Der literarische Charakter des Jahres</P><P>Vor allem für den Teenager Vernon Little, den Erzähler. Ihm wird vorgeworfen, an einem Amoklauf in der Schule beteiligt gewesen zu sein. Die unumstößlichen Beweise: ein<BR>Unterwäschekatalog und zwei Joints. Er muss als Sündenbock herhalten, denn Martirio funktioniert nach dem Prinzip Ursache und Wirkung. Die Stadt verlangt eine Erklärung für die Tragödie, was sie am wenigsten verträgt, ist Unsicherheit. "Fakten sind Fakten", und für alles gibt es einen klar benennbaren Grund. Wer nicht in dieses Schema passt, wer Zweifel streut an dieser Weltsicht, macht sich verdächtig. </P><P>Vernon Little hat genau dieses Problem. Er reagiert nicht, wie man es von ihm erwartet, viel zu lange bleibt er passiv, lässt sich einiges gefallen, von seiner Mutter, deren Freundinnen, der Polizei, den Reportern. Er wehrt sich nicht, er tobt nicht, lügt nicht, lässt nicht die Medien für sich arbeiten: Er ist ein Getriebener zwischen den Obsessionen seiner Mitmenschen.<BR>Die Wahrnehmung dieser Welt ist radikal subjektiv und erfolgt ausschließlich durch Vernons Augen. "Eine Blase klinischer Gerüche inmitten von Staub. An einem Tisch im Wartezimmer sitzt eine Sprechstundenhilfe mit spitzen Zähnen und einem Kehlkopf aus Bienen, die in Pergamentpapier eingewickelt sind." Eine extreme Bildhaftigkeit prägt Vernons Perspektive, intim und freundschaftlich ist der Ton, in dem er von seinem Martyrium erzählt, seiner Verfolgung, Opferung, Auferstehung.</P><P>Pierre folgt einer altbekannten aber effektiven Dramaturgie. Ein Unschuldiger ist auf der Flucht und verwickelt sich immer tiefer in sein Dilemma; eine Konstruktion, die am Lesen hält, die hoffen und mitfiebern lässt, bis man doch vor Enttäuschung verzweifelt wie Vernon, dem sein genügsamer, romantischer Traum vor seiner Nase wieder entrissen wird. Vernon macht den Leser zu seinem besten Freund. Und irgendwann kann es dann nur noch aufwärts gehen. </P>DBC Pierre: "Jesus von Texas". Aus dem Englischen von Karsten Kredel. Aufbau-Verlag, Berlin. 386 Seiten, 19,90 Euro. <BR>

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