Vier Tage vor Anschlag: Attentäter flog von Düsseldorf nach Manchester

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Raffinierte Gartenanlage: Sie waren Teil der Villa. Im Museum wird das Wechselspiel von Natur und Kunst durch Skulpturen – Neptun und ein Satyr (re.) – Licht, Vogelgezwitscher und eine luftige Kulisse erlebbar gemacht.

Prasser, Sklaven und die Kunst

München - Ab Samstag: „Luxus und Dekadenz – Römisches Leben am Golf von Neapel“ in der Archäologischen Staatssammlung

Ein sonnig leuchtendes Wasserbassin entführt aus den magisch schummrigen Räumen der Ausstellung „Luxus und Dekadenz – Römisches Leben am Golf von Neapel“ (ab 7.2.) an jene helle Küste, die mal „Wonnekessel“, mal „Campania felix“ (glückliches Kampanien) genannt wurde. Im Becken wird das Meer en miniature imitiert mit Tuffsteinbrocken, Wasserpflanzen – und einer Muräne, die aus den Steinen hervorlugt. Wer seine Finger ins Nass taucht, lockt das schlanke Tier mit dem unheimlichen Kopf an. Aber weder werden die Hände von den Wellen benetzt, noch besteht Biss-Gefahr. Die schöne Illusion des Computerbilds, das auf Berührung reagiert, reizt nicht nur den Spieltrieb der Besucher der Archäologischen Staatssammlung, München, sondern lenkt auch konsequent auf das Thema der Schau hin.

Denn derartige Meeresbecken – obwohl man doch ganz nah am Strand wohnte – gehörten zu den luxuriösen Statussymbolen der reichen Bewohner des Reichs (ein Prozent von 50 bis 80 Millionen Menschen). Kostspielig war der Unterhalt, und kostspielig wurden die Viecher ausgestattet. Deswegen lässt sich an der Münchner Muräne ein Juwelen-Kopfschmuck erkennen. Was heute ein Koikarpfen ist, war damals jener Meeresräuber, der so geliebt wurde wie jetzt das Hunderl. Damals mussten allerdings die Sklaven aufs Meer fahren und fischen, und zwar die Nahrung für die Muränen: Ja, da wird einem klar, was mit Luxus und Dekadenz („luxuria“ = Prunksucht, „decadere“ = herabfallen) gemeint ist.

Die Münchner Präsentation hat sich das Motto „Luxus braucht Bewunderer und Mitwisser“ gewählt. Der Philosoph Seneca stellte im 1. Jahrhundert nach Christus diesen Bezug zwischen Prassern und Zuschauern her (Briefe an Lucilius), von dem die Klatschmedien bis in die Jetztzeit leben. Dass wir, obwohl 2000 Jahre vergangen sind, ebenfalls Zuschauer sein können, ist der Katastrophe von 79. n. Chr. zu „verdanken“. Der grauenhafte Vesuv-Ausbruch konservierte in weiten Gebieten des Golfs Städte wie Pompeji oder Herculaneum und Villen wie Oplontis und Stabiae. Das römische Leben wurde in der Todesstunde dokumentiert und verewigt. Normale Überreste sind niemals derart gut erhalten.

Zusammen mit den Museen in Haltern (Westfalen-Lippe), Bremen und Nijmegen sowie mit der herausragenden Hilfe des Archäologischen Nationalmuseums von Neapel reisen wir in München zurück ins Römische Reich der Kaiserzeit. Es hatte seine Macht „weltweit“ gefestigt und wälzte gewaltige Geld-, Waren- und Menschenströme um. Jene günstig gelegene Bucht am Fuße des Vesuvs beherbergte einen wichtigen Handelshafen und in Misenum den Flottenhafen. Wer hier lebte, konnte reich werden. Außerdem war die Landschaft so reizvoll, dass sich die Großkopferten aus Rom gern Sommersitze bauten – allen voran der Kaiser. Und wo er war, mussten alle, die auf sich hielten, auch sein. Zu dieser Oberschicht gehörte die Familie Balbus, deren Ehrenstatuen in der Ausstellung zu sehen sind. Man tat Gutes, und zwar nicht zu knapp, und heimste entsprechenden Ruhm ein.

Den konnte der saturierte Römer aber auch weniger sozial verträglich erwerben. Lucullus ist uns heute noch ein Begriff, ein Schlemmer, der für ein Gastmahl locker 200 000 Sesterzen blechte (ein Liter normaler Wein kostete eine Sesterze). In der Archäologischen Staatssammlung schildern Wandgemälde Gastmähler und Trinkgelage. Man lag zusammen auf Klinen, ließ sich von Sklaven und hübschen Mädchen verwöhnen. Dass dazu teures Geschirr gehörte, schildern Silbergeschirr, Glas-, sogar Kristallgefäße in der Schau. Der Riesen-Tontopf zum Mästen von Siebenschläfern verweist darüber hinaus auf den Trend zu möglichst ausgefallenen Speisen und -kombinationen (etwa Pfauenfleisch im gebratenen Schwein oder Kamelhufe).

Wohl noch wichtiger als solch demonstratives – und vielfach kritisiertes – Wohlleben war, exquisiten Geschmack bei Kunst und Bildung zu beweisen. Man hielt sich gelehrte Griechen(-Sklaven) ebenso wie gute Bibliotheken. So finden sich in den „normalen“ Villen mit Landwirtschaft gleichfalls Gemälde, Mosaike, Statuen, feine Möbel, Lampen und Gärten wie in den gigantischen Kaiser-Villen, die eher weitläufigen Schlossanlagen gleichen. Computeranimationen einer von sieben Tiberius-Villen auf Capri oder der Villa San Marco in Stabiae machen einen staunen. Präsentiert wird die Garten-Kunst im Museum stimmungsvoll. Vogelgezwitscher umfängt den Besucher, der einen Hain aus Blättergeflirr (Gaze- und Stoffwände) betritt, in dem Statuen stehen. Die Gartenkunst von Renaissance und Barock hat in der römischen Lust an der gezähmten Natur ihre Wurzeln.

Zu diesen Gärten gehörten Brunnen, Nymphäen (ausgeschmückte Wasserspiele), natürlich Schwimmbecken und Badeanlagen mit allem Komfort. Nur wirklich Reiche konnten sich ein Privatbad leisten, die anderen tummelten sich in den großzügigen öffentlichen Thermen. Im Museum ist nun eine Marmorwanne zu sehen zusammen mit der Heizanlage (Ofen, Rohre, selbst die Ventile). Wasser war Luxus, seine Verschwendung dekadent. Womit der Besucher erneut in der Gegenwart gelandet wäre.

Dazu passt die Neigung zu Drama und Kampfsport. Davon zeugt etwa der dreieinhalb Kilogramm schwere Gladiatorenhelm, ergänzt durch Ridley Scotts „Gladiator“-Film – und einen Löwen. Der ist ein echter Bayer, der zum Glück weder Christen noch Profikämpfern begegnet ist. Dieser stramme Münchner stammt aus Hellabrunn.

Auch darin beweist die klug inszenierte Ausstellung (Kurator Herwig Kenzler, Projektleiterin Andrea Lorentzen), dass man es verstand, Humor mit wissenschaftlicher Information, Ästhetik mit Spannung zu verbinden.

von Simone Dattenberger

Alle Informationen zur Schau

  • Adresse: 80538 München, Lerchenfeldstraße 2, Tel. 089/21 12 402, www.archaeologie-bayern.de.
  • Verkehrsmittel: Trambahn Linie 17, Bus Linie 100, U-Bahn U5 Haltestelle Lehel.
  • Öffnungszeiten: 7. Februar bis 30. August, Di.-Sa. 9.30-18 Uhr, So. 9.30-20 Uhr.
  • Eintrittspreise: 7 Euro, ermäßigt 5 Euro; Schüler/Studenten 2,50 Euro; Familienkarte 15 Euro.
  • Führungen: sonntags 11 und 14 Uhr, 6 Euro und ermäßigter Eintritt.
  • Gruppenführungen 85 Euro plus ermäßigter Eintritt.
  • Seniorenführungen (Klappstühle) 10 Euro; bei beiden Anmeldung nötig.
  • Exklusive Abendführungen 580 Euro, Bewirtung möglich. Tel. 089/ 21 12 44 68.
  • Audioguides: 4 Euro, spezielle für Kinder 2 Euro.
  • Einführungen: erster Sonntag im Monat (bis Mai), 18.30 Uhr, 6 Euro plus ermäßigter Eintritt.
  • Für Schulklassen: Museumspädagogisches Zentrum, Anmeldung Tel. 089/12 13 23 23/-24; Führung ohne MPZ, Anmeldung Tel. 089/21 12 44 68, auch Latein-Führungen möglich.

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