Der Preis der Freiheit

- Das ist ja noch außergewöhnlicher als die Oberammergauer Passionsspiele im Zehnjahresrhythmus. Was am 23. Juli auf dem Schweizer Rütli am Vierwaldstättersee Premiere hat, ist erst- und voraussichtlich einmalig: die Premiere von Friedrich Schillers "Wilhelm Tell". "Wenn überhaupt gibt's das höchstens in hundert Jahren wieder", sagt dazu Stephan Märki (48). Der in Bern geborene Schweizer ist der Regisseur dieses gewaltigen Freilicht-Unternehmens. Und er ist der Generalintendant des Nationaltheaters Weimar, des legitimen Horts der deutschen Klassik. Dort wurde 1804 der "Tell" uraufgeführt, jenes Stück, das seither bei den Eidgenossen quasi als identitätsstiftendes Nationalheiligtum Kultcharakter besitzt. Nun kommen die Weimarer mit dem Freiheitsdrama für fünf Wochen in die Schweiz.

<P>Woher stammt die Idee, "Wilhelm Tell" auf dem Rütli, dem Ort des berühmten Schwurs, aufzuführen?<BR><BR>Märki: Auf diese verrückte Idee wäre ich nicht gekommen. Die hatte der Produzent Lukas Leuenberger. Er ist darauf spezialisiert, Theaterstücke an ihren Originalschauplatz zurückzuführen. Vor drei Jahren hatte er mich gefragt, ob unser Theater daran interessiert wäre. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Schweizer ihr Nationalheiligtum öffnen und die Wiese frei geben würden. Aber dann nahm das konkretere Formen an, und es bestand Aussicht auf Genehmigung. Also bin ich dorthin gefahren, allein, habe mich auf diese Wiese gesetzt, um zu prüfen, ob mir dazu überhaupt etwas einfällt. Ich musste feststellen: Das ist ein packender, suggestiver Ort. Er hat mich überzeugt.<BR><BR>Wie viele Zuschauer lässt das Rütli zu?<BR><BR>Märki: Die Zuschauertribüne, in den Hang hinein gebaut, steht schon. Sie bietet 2600 Menschen Platz. Eigentlich gibt es an dem Ort außer ein paar Kühen und der berühmtesten aller Schweizer Fahnen nichts. Eine Lichtung am See, das ist alles.<BR><BR>Sie proben das Stück in Weimar, ab 7. Juli dann an Ort und Stelle. Werden Sie den "Tell" in der neuen Spielzeit nach Weimar rückübertragen? Schließlich steht uns 2005 mit dem 200. Todestag des Dichters ein Schiller-Jahr bevor.<BR><BR>Märki: Das Rütli ist nicht kopierbar. Für 2005 planen wir in Weimar anderes.<BR><BR>Sie selbst haben bisher kaum Klassiker inszeniert. Woher nehmen Sie den Mut ausgerechnet zu diesem Schinken, vor dem die meisten deutschen Regisseure zurückschrecken?<BR><BR>Märki: Die Gefahr bei einer heutigen Aufführung besteht darin, den "Tell" entweder als altväterliches Folklorestück zu inszenieren oder ihn in falschem Pathos ersticken zu lassen. Aber mit Ironie wie bei Castorf kommt man auch nicht weiter. Ich denke, heute steuert das Theater wieder dahin, dass es das, was es sagt, ernst meint. Bei der Arbeit am Stück merken wir, wie modern dieser Schiller ist. Er hat es schon damals erkannt und in das Stück hineingeschrieben: die Abgründigkeit und den Preis der Freiheit. "Wilhelm Tell" ist ein Stück über Revolutionäre, die keine Revolutionäre sein wollen. Eine sehr realistische Geschichte. Zu den Klassikern überhaupt: Bislang hatte ich eine gesunde Ehrfurcht vor ihren Werken. Im vorigen Jahr habe ich mit einer szenischen Bearbeitung des "Werther" begonnen. Jetzt bin ich entzündet für die großen Heroen Weimars.<BR><BR>Roland Koch vom Wiener Burgtheater spielt den Tell, Thomas Thieme, Münchens Othello, den Gessler. Was haben die Schauspieler gesagt, als Sie ihnen dieses Projekt angetragen haben?<BR><BR>Märki: Beide waren gleich sehr begeistert. Koch, selbst Schweizer, hat dafür sogar zwei Filme abgesagt.<BR><BR>Was machen Sie, wenn's regnet?<BR><BR>Märki: Wir spielen immer, haben wir uns vorgenommen. 33 Vorstellungen.</P><P>Das Gespräch führte Sabine Dultz<BR></P>

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