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Diese Puppe verdreht so ziemlich allen Bewohnern der „Avenue Q“ den Kopf: Lucy und ihre Spielerin Julia Klemm.

Premiere im Deutschen Theater: „Avenue Q“

München - Auf dem Plakat, das für „Avenue Q“ wirbt, findet sich oben links eine „Warning“: „Ab 16 Jahren!“ Die dient natürlich der Aufmerksamkeitssteigerung, ist aber durchaus angebracht.

Die prämierte Broadway-Show, die die Bayerische Theaterakademie nun für das Deutsche Theater inszeniert hat, ist ganz einfach nicht jugendfrei. So frech, so politisch inkorrekt, so obszön war es lange nicht mehr auf einer Musical-Bühne, so lustig allerdings auch nicht.

Erzählt wird die Geschichte des College-Absolventen Princeton, der in die fiktive New Yorker „Avenue Q“ zieht, auf der Suche nach seiner Bestimmung (und nach der großen Liebe). Der Clou: Princeton und seine neuen Freunde sind putzige Puppen, die in Muppet-Show-Manier von Akademie-Studenten getragen und gesteuert werden (Fachbegriff: „Ein-Arm-Klappmaul-Puppen“). Bei deren Gestaltung hat Birger Laube sensationelle Arbeit geleistet, selbst wenn er sich nur an die Original-Vorlagen hält, so wie das gesamte Musical auf einer (weitgehend gelungenen) Übersetzung der Texte von Robert Lopez und Jeff Marx basiert. Der Humor, den die Amerikaner zelebrieren, ist rabenschwarz und, eigentlich, very british. Es geht um Homosexualität („Ich fänd’s okay, wärest du gay“), Rassismus („Jeder ist ein bisschen rassistisch“) oder Pornografie („Das Internet ist für Pornos“).

Die Inszenierung hat durchaus Schwächen. Die Schauspieler etwa, die ohne Puppe auskommen müssen, wissen nicht wirklich zu überzeugen, die anderen umso mehr. Im besten Falle verschmelzen Puppe und Darsteller, was an diesem Abend keinem so gut gelingt wie Julia Klemm als „Lucy die Schlampe“: Wie sie ihre Haare parallel zur blonden Mähne ihrer Figur nach hinten wirft und Princeton dabei ein zweideutiges Angebot entgegenstöhnt: sensationell. Köstlich, wie sich Dustin Smailes und Birgit Reutter verschränken, um mit Princeton und Kate Monster diverse Sexstellungen durchzuspielen. Fleißkärtchen gibt es auch für Corinne Steudler und Pascal Höwing. Sie spielen die „Bad Idea Bears“, niedliche Teddy-Bären mit beknackten Ideen, so überzogen wie es sich gehört. „Versauf doch dein letztes Geld“, raten sie lächelnd, „betrink dich an dem Abend vor einem wichtigen Termin.“ Und als Princeton nicht nur sprichwörtlich am Boden liegt, schleppen sie einen Strick heran. Derb? Ja. Aber irre komisch.

Thierry Backes

Bis 24. Juni; Telefon 089/ 55 23 44 44.

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